
Wer Englisch kann, ist klar im Vorteil: Nach dem Abi und anderthalb Jahren Auslandsaufenthalt in London entschied Birte Hille 1992: „Ich schau mal, was die Schifffahrtsbranche für mich hat“ – und landete als Auszubildende bei Georg Krey, der ein Jahr zuvor seine Reederei gegründet hatte.
Wer Englisch kann, ist klar im Vorteil: Nachdem Daniel Grensemann als Teenager mit seinen Eltern ausgewandert war und drei Jahre lang eine amerikanische Highschool besucht hatte, zog es ihn zurück nach Deutschland. Ein Freund brachte ihn auf die Idee, eine Ausbildung zum Schifffahrtskaufmann zu machen – er fing 1999 bei Krey Schiffahrt an. Hille und Grensemann sind dem Unternehmen bis heute treu geblieben – und führen es als Managing Partner, seit der Firmengründer sich vor rund zehn Jahren aus dem operativen Geschäft zurückgezogen hat. Krey spielt im Hintergrund eine wichtige Rolle – nicht zuletzt als Ankerinvestor. An strategischen Entscheidungen ist der Senior naturgemäß beteiligt. „Wir bilden ein gut funktionierendes Dreieck“, sagt Grensemann. Kein Wunder: Die beiden Chefs haben das Business bei Krey von der Pike auf gelernt, er teilt von Anfang an sein Wissen mit ihnen und überträgt ihnen schon früh Verantwortung.
Schwerpunkt Schwergut
Birte Hille hat die dynamische Entwicklung der Schifffahrt in Leer zu Beginn der 1990er-Jahre hautnah miterlebt: Auch heutige Branchengrößen wie Hartmann und Briese haben klein angefangen, Georg Krey startet damals mit einem 2.700-Tonnen-Kümo. Schon bald entwirft der diplomierte Schiffbauingenieur eine Serie von Mehrzweckfrachtern mit eigenem Ladegeschirr, die in der Türkei gebaut werden. „Im Laufe der Jahre sind unter unserer Obhut etliche Schiffe entstanden“, sagt Hille. Mit zwei Partnerfirmen, die sich um branchenfremdes Kapital kümmern, lassen sich zahlreiche Neubauprojekte, darunter auch erste Container-Feeder, realisieren. In der Spitze besteht die Flotte des Gemeinschaftsunternehmens „Phoenix“ aus über 40 Schiffen.
Doch Krey und sein Team glauben auf Dauer nicht ans KG-Modell: „Der Markt gab das nicht mehr her“, sagt Hille. Das Unternehmen zieht sich 2004 aus der Partnerschaft zurück und besinnt sich auf seine Wurzeln. „Back to the roots“ bedeutet: den Fokus auf Mehrzweckfrachter und Schwerguttransporte legen und Neubaupläne mit eigenem Kapital umsetzen. Auch im Second-Hand-Markt ist das Team aktiv: „Als keiner mehr kaufen konnte, hatten wir noch Reserven“, erzählt Hille. Das zahlte sich aus, weil sich mit den günstig erworbenen Schiffen zuletzt gut verdienen ließ. Klassisch antizyklisch – so kommt das Unternehmen glimpflich durch die Schifffahrtskrise.
Die Finanzierung mit eigenem Geld bzw. „Family-and-Friends“-Investments limitiert naturgemäß die Möglichkeiten und erfordert eine weitsichtige Planung. Bewährter Partner ist die örtliche Volksbank OVB, die sich nicht nur um die regionale Schifffahrt verdient gemacht hat. Der Erhalt der Firma durch Neubauaktivitäten bildet den Kern der Firmenphilosophie. „Wenn man nicht investiert, leitet man den Sterbeprozess eines Unternehmens ein“ – diese Warnung des Firmengründers beherzigen seine Geschäftsführer.


Der MPP-Markt ist klein, aber komplex. Das macht unser Business so spannend.“
Birte Hille, Geschäftsführerin Krey Schiffahrt
Teamwork gefragt
„Wir brauchen acht bis zehn Schiffe, um unsere Struktur als Reederei gut aufrechtzuerhalten“, sagt Birte Hille. Schließlich verfügen die Ostfriesen über eine eigene technische und nautische Inspektion, dazu kommen das Projektgeschäft, Controlling, Einkauf und Buchhaltung. Insgesamt arbeiten 15 Leute im schmucken Bürowürfel am Stadtrand von Leer. Fürs Crewing kooperiert das Unternehmen mit einer externen Agentur. Birte Hille, die berufsbegleitend BWL studiert hat, managt die inneren Prozesse und kümmert sich beispielsweise um Controlling und Personal. Grensemann, der sich zum Verkehrsfachwirt weitergebildet hat, ist eher der „Außenminister“ und verantwortet Chartering, Business Development sowie das Neubaugeschäft auf chinesischen Werften.
In Krisensituationen ist ohnehin das gesamte Team gefragt: technische Probleme, Kollision, Kidnapping – immer wieder gibt es irgendwo auf der Welt Situationen, die rasches und umsichtiges Handeln erfordern. „Jeder Vorfall ist unique, es gibt wenig Standards“, sagt Hille. Informationen zusammentragen, Kontakt zur Crew halten, Behörden einschalten, Lösungen erarbeiten – „dafür sind wir als Reederei da“, sagt Hille. Immerhin habe man in den vergangenen 35 Jahren noch nie einen Totalverlust erlitten.
Die Reederei ist ein reiner „Tonnage Provider“, stellt also die eigenen Schiffe Befrachtungsunternehmen zur Verfügung. „Ein kleiner, aber komplexer Markt“, sagt Birte Hille. Zu den meisten Kunden bestünden jahrzehntelange Bindungen – etwa zu den Nachbarn von BBC Chartering, eine Tochter der Reederei Briese und eine der weltweit führenden Adressen im Projekttransportgeschäft. Zusammen mit der Reederei MACS stellen die Leeraner aktuell drei Schiffe für die von den Hamburgern betriebene Stinnes-Linie zur Verfügung.
Neubauten im Fokus
Was da an Ladung auf den Alleskönnern von Krey landet, ist eindrucksvoll: riesige Rotorblätter für Windenergieanlagen, Schnellzuglokomotiven, Superyachten, Kraftwerkturbinen, aber je nach Bedarf auch Container und Schüttgut. Die Schiffe sind dafür konzipiert – und Firmengründer Krey hatte dabei meist seine Finger im Spiel. „Vom Herzen her ist Georg Krey mehr Schiffbauer als Reeder“, sagt Daniel Grensemann.
Der Ingenieur hat einen wesentlichen Anteil an der Modernisierung der internationalen MPP-Flotte. Zwischen 2004 und 2012 sind auf chinesischen Werften 84 Einheiten der von ihm entworfenen E- und F-Typen mit 12.500 Tonnen Tragfähigkeit entstanden, die als „Working Horses“ der Branche gelten, von der Nachfolgegeneration F 500 sind auch schon knapp 50 Schiffe in Fahrt. Das Faible für Neubauten hat Grensemann sich ein wenig vom Firmengründer abgeschaut: „Ich kann mich stundenlang in Schiffbaupläne vertiefen.“
Die neuesten Errungenschaften der Reederei sind die „BBC Felix“ und die „BBC Vaasa“, zwei knapp 150 Meter lange Mehrzweckfrachter, die über einen 76,5 Meter langen Laderaum und besonders stabile Krane verfügen – das macht sie besonders flexibel. Der „ECO-Trader“, ein etwa zehn Jahre altes Konzept, wurde kontinuierlich weiterentwickelt und erfüllt jetzt auch die strenge Tier-III-Abgasnorm. „Eco steht nach meinem Verständnis eher für ökonomisch, aber wenn der Brennstoffverbrauch niedrig ist, ist das auch gut für die Umwelt“, sagt Grensemann.


In Bewegung bleiben – dazu gehören für uns die Neubauaktivitäten.“
Daniel Grensemann, Geschäftsführer Krey Schiffahrt
Die neuen Schiffe sind deutlich sparsamer und verfügen über Dual-Fuel-Maschinen, laufen jedoch mit konventionellem Treibstoff. Dass sich das bald ändern wird, bezweifelt der Krey-Manager: „Es wird noch einige Zeit dauern, bis sich ein konsequent grünes Schiff umsetzen lässt.“ Absehbar stehe beispielsweise grünes Methanol für die weltweite Schifffahrt gar nicht in ausreichenden Mengen zur Verfügung.
Die Krey-Schiffe fahren traditionell unter der Flagge von Antigua & Barbuda, die Neubauten tragen aber die portugiesische Flagge: „Wir fühlen uns mit einer EU-Flagge wohl, das Serviceniveau ist hoch – und im Zweifel kann man weltweit auf die diplomatische Unterstützung von Portugal zählen“, sagt Grensemann. Die gibt es auch vom Verband Deutscher Reeder: Dem VDR-Team sei es gelungen, „die Schifffahrt wieder positiv sichtbar zu machen“, findet Hille. „Wir holen uns dort immer wieder fachlichen Input“, ergänzt Grensemann. Auch die Ausbildungsoffensive des VDR kommt gut an. Passende Azubis zu finden, sei gar nicht so einfach, so Hilles Erfahrung. In der Region haben Unternehmen die Initiative „#gemeinsamschifffahrt“ gestartet, um das Image der Branche beim Nachwuchs aufzupolieren. Mit Erfolg: Der Zulauf hat sich deutlich verbessert.
Dass das Thema Ausbildung den beiden Chefs am Herzen liegt, ist vor dem Hintergrund ihrer eigenen Karriere nicht weiter verwunderlich. Aktuell gibt es einen Schifffahrtskaufmann-Azubi, demnächst soll eine zweite Stelle besetzt werden. Die Erfahrung zeigt: Wenn die Auffassungsgabe gut und das Englisch ordentlich ist, kann das ein Einstieg mit interessanter Perspektive sein.

Krey Schiffahrts GmbH & Co. KG
Krey Schiffahrt wurde 1991 von Georg Krey (Jahrgang 1948) gegründet. Das Leeraner Unternehmen beschäftigt an Land und auf See knapp 290 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die Flotte besteht aktuell aus sechs Mehrzweckfrachtern, darunter zwei Neubauten. Zwei weitere Schwerlastschiffe mit 14.400 dwt und jeweils zwei 350-Tonnen-Kranen sind im Bau. Die Mitinhaber Birte Hille (Jahrgang 1971) und Daniel Grensemann (Jahrgang 1981) sind seit ihrem Berufsstart im Unternehmen und seit 2010 in der Geschäftsführung.
www.krey-schiffahrt.de




