Foto des Segelschulschiffs "Gorch Fock"

Herr Kapitän Bornkessel, Sie nehmen mit der „Gorch Fock“ an den Feierlichkeiten zum 250. Jahrestag der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten von Amerika teil. Welche Rolle übernimmt Ihr Schiff dort, und welche Bedeutung hat diese Reise für die Deutsche Marine?
Bornkessel:
Die „Gorch Fock“ ist einer von 22 Großseglern und Teil einer Vielzahl von Schiffen unterschiedlichster Art, die an den Feierlichkeiten teilnehmen und damit den Beitrag Deutschlands und der Deutschen Marine zu diesem historischen Jubiläum sichtbar machen. Wir gratulieren den Vereinigten Staaten zu 250 Jahren Unabhängigkeit und pflegen zugleich die enge maritime Partnerschaft.
Eine besondere historische Note: Bereits 1976 war die „Gorch Fock“ zum 200-Jahr-Jubiläum in den USA. Nun kehren wir – 50 Jahre später – zurück. Erstmals seit 1976 kommen auch wieder die Schwesterschiffe der „Gorch-Fock“-Klasse zusammen – heute vier aktive von ehemals fünf. Damals wurde die Five Sister Trophy erstmals ausgesegelt, und die „„Gorch Fock““ gewann sie. Wir reisen also als Titelverteidiger an. Der Höhepunkt ist der 4. Juli, wenn alle Schiffe gemeinsam im Rahmen der International Parade of Sail in New York einlaufen werden.

Die „Gorch Fock“ gilt als prägend für die Ausbildung des Offiziersnachwuchses. Was bedeutet es konkret, junge Menschen „maritim zu prägen“?
Bornkessel:
Viele unserer Offiziersanwärterinnen und -anwärter kommen ohne maritimen Hintergrund zur Marine. Sie stammen aus allen Regionen Deutschlands. Die Marine ist jedoch die Teilstreitkraft, deren Kern die seegehenden Einheiten bilden. Diese maritime Prägung – das Verständnis für See, Wetter, Schiff und Seemannschaft – ist entscheidend. Sie hilft nicht nur den späteren Seefahrerinnen und Seefahrern, sondern allen, die die Marineuniform tragen, unabhängig vom späteren Verwendungsbereich.

Foto von Kapitän Bornkessel beim Auslaufen der "Gorch Fock".
07.04.2026, Kiel. Kapitän Bornkessel. Gorch Fock läuft aus — Foto STAUDT


Welche Fähigkeiten und Haltungen lernen Kadetten an Bord eines­ Segelschulschiffs, die für ihre spätere Laufbahn entscheidend sind?
Bornkessel:
Auf der „Gorch Fock“ geht es nicht primär darum, das Segeln zu erlernen. Im Mittelpunkt stehen Persönlichkeitsentwicklung und Charakterschulung. Die Kadetten erleben Teamwork, Kameradschaft, Einsatzbereitschaft, Durchhaltewillen sowie Mut und Tapferkeit – und das im unmittelbaren maritimen Umfeld. Wind, Wetter und Seegang bestimmen den Alltag und fordern jeden Einzelnen heraus.
Gleichzeitig hat sich die Ausbildung im Laufe der Jahrzehnte gewandelt: Früher lag ein deutlich größerer Schwerpunkt auf der Vermittlung praktischer Fertigkeiten der traditionellen Seemannschaft. Heute steht stärker die Entwicklung von Haltung, Verantwortungsbewusstsein und innerer Festigkeit im Vordergrund. Die Elemente bleiben dabei ein prägender Lehrmeister und vermitteln Demut.

In der Handelsschifffahrt wird die Gewinnung von Nachwuchs zunehmend zur Herausforderung. Welche Pa­rallelen sehen Sie zwischen militärischer und ziviler maritimer Ausbildung?
Bornkessel:
Pragmatisch betrachtet vermitteln militärische und zivile maritime Ausbildung sehr ähnliche Fähigkeiten: Nautik, Seemannschaft, Technikverständnis, Verantwortungsbewusstsein. Die Deckungsgleichheit ist hoch.
Natürlich gibt es im militärischen Bereich zusätzliche Anforderungen, aber die Grundprinzipien sind vergleichbar. Eine gemeinsame Herausforderung ist die Nachwuchsgewinnung. Abwesenheiten von zu Hause gehören zur Seefahrt – ein Aspekt, der für viele junge Menschen heute schwerer geworden ist.


Kann die Erfahrung auf einem Segelschiff wie der „Gorch Fock“ dazu beitragen, langfristig mehr Menschen für maritime Berufe zu begeistern?
Bornkessel:
Ja, eindeutig. Die Zeit an Bord kann Interesse für maritime Berufe wecken. Trotz aller Härte und Entbehrung erleben junge Menschen Momente, die sie nie vergessen: die Romantik der Seefahrt, das Gefühl, Teil von etwas Besonderem zu sein, und den Stolz, Herausforderungen gemeinsam gemeistert zu haben. Das zeigt sich auch in unserem Programm „Work & Travel“, bei dem junge Leute bewusst für einige Wochen an Bord kommen, um Seefahrt unmittelbar zu erleben.


Was macht das Führen eines Segelschiffs heute noch besonders – auch im Vergleich zu modernen, hoch technisierten Einheiten?
Bornkessel:
Die Verantwortung ist jederzeit spürbar. Das Führen eines Großseglers bleibt eine Besonderheit, auch im Zeitalter hoch technisierter Einheiten. Entscheidungen wirken unmittelbarer und direkter auf die Besatzung – insbesondere bei der Segelführung. Hinzu kommt die Arbeit in der Takelage, die körperlich anspruchsvoll ist und höchste Konzentration erfordert. Wir verfügen über sehr gute Sicherheitsstandards, dennoch bleibt diese Tätigkeit fordernd und verlangt Vertrauen, Teamgeist und Professionalität. Für mich persönlich ist es ein Traumberuf, ein solches Schiff führen zu dürfen.

Das Interview führte Paul Pantel

Die fünf Schwestern

Die „Gorch-Fock“-Klasse besteht aus sechs Segelschulschiffen, von denen eines nicht ganz fertiggestellt wurde. Vier der Schiffe wurden für die deutsche Kriegsmarine, jeweils eines für die Rumänische Marine und die Bundesmarine gebaut. Alle entstanden auf der Hamburger Werft Blohm & Voss. Fünf Schiffe der „Gorch-Fock“-Klasse existieren bis heute, davon dienen vier noch immer als Segelschulschiffe in verschiedenen Marinen. Namensgeber der Klasse ist das erste, 1933 gebaute Schiff dieser Klasse, die „Gorch Fock I“, die im Stralsunder Hafen liegt.

Foto von Kapitän Bornkessel beim Auslaufen der "Gorch Fock".
07.04.2026, Kiel. Kapitän Bornkessel. Gorch Fock läuft aus — Foto STAUDT

Der Kommandant: Kapitän zur See Elmar Bornkessel

• Jahrgang 1976, geboren in Nordhessen
• 1995 Eintritt in die Marine, Kadettenausbildung (u.a. „Gorch Fock“), Diplom-Pädagoge
• 2002 bis 2004 Decks-, Segel- und Divisionsoffizier auf der „Gorch Fock“
• ab 2014: Erster Offizier auf der „Gorch Fock“
• 2016 Bundesverteidigungsministerium
• 2018 bis 2021 Kommando auf den Fregatten „Sachsen-Anhalt“ und „Nordrhein-Westfalen“
• 2022/23: NATO-Hauptquartier, Brüssel
• Seit Juli 2024 Kommandant des Segelschulschiffs „Gorch Fock“, Beförderung zum Kapitän zur See


Text: Paul Pantel

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