
Welche Rolle spielt die Handelsschifffahrt für die VAE?
Botschafter Ahmed Alattar: Die VAE liegen an einer der bedeutendsten Schnittstellen der Welt, dort, wo sich der Arabische Golf zum Indischen Ozean öffnet und die großen Handelsrouten zwischen Asien, Europa und Afrika zusammenlaufen.
Der von DP World betriebene Port Jebel Ali in Dubai zählt beständig zu den zehn größten Containerhäfen der Welt. Im Jahr 2024 wurden dort 15,5 Millionen TEU umgeschlagen – das höchste Umschlagsvolumen seit 2015. Dies entspricht nahezu 18 Prozent des weltweiten Containeraufkommens von DP World in Höhe von 88,3 Millionen TEU im selben Jahr.
Die Ambitionen der VAE reichen jedoch inzwischen weit über diese Kennzahlen hinaus. Im April 2026 eröffnete das Dubai Multi Commodities Centre (DMCC) sein Maritime Centre, das ausdrücklich darauf ausgelegt ist, Handel, Finanzierung und maritime Dienstleistungen in einem einzigen Ökosystem zusammenzuführen und die Schifffahrt direkt mit Kapital-, Versicherungs- und Beratungsleistungen zu verknüpfen.
Grundlage all dessen ist der konsequente Vorstoß in Richtung digitaler Transformation. Das „UAE Maritime Bundle“, das in Zusammenarbeit mit mehr als 62 lokalen und internationalen Akteuren entwickelt wurde, soll traditionelle maritime Dienstleistungen in eine vollständig integrierte digitale Plattform überführen und steht im Einklang mit den Zielen der nationalen Vision „We the UAE 2031“.
Die jüngsten Jahre globaler Störungen in den Lieferketten haben lediglich eine Erkenntnis bestätigt, die wir bereits vor langer Zeit gewonnen haben: Staaten, die über ihre eigene Logistikinfrastruktur verfügen, sind deutlich besser in der Lage, Unsicherheiten zu bewältigen. Die VAE haben daraus klare Schlussfolgerungen gezogen, und unsere fortlaufenden Investitionen in maritime Kapazitäten spiegeln unsere Entschlossenheit wider, auch künftig ein prägendes Zentrum der globalen Schifffahrt zu bleiben.
Die Straße von Hormus zählt zu den wichtigsten maritimen Handelsrouten der Welt. Wie wirken sich die aktuellen geopolitischen Spannungen auf Schifffahrt und Handel aus?
Alattar: Die Straße von Hormus ist eine lebenswichtige globale Verkehrsader – nicht nur von Bedeutung für die Golfregion.
Täglich passieren etwa ein Fünftel der weltweiten Energieversorgung sowie rund 30 Prozent der für die globale Nahrungsmittelproduktion essenziellen Düngemittel diese Meerenge. Ihre strategische Bedeutung reicht weit über den Ölhandel hinaus. Rund 25 Prozent der weltweiten Gasströme sowie nahezu 70 Prozent der petrochemischen Produktion der Golfregion werden durch diese Passage transportiert. Hinzu kommen zahlreiche weitere Güter, die Märkte auf verschiedenen Kontinenten miteinander verbinden.
Angesichts ihrer zentralen Bedeutung besteht ein breiter internationaler Konsens darüber, dass die Freiheit der Schifffahrt in der Straße von Hormus gewahrt werden muss, dass Iran seine Drohungen, das Ausbringen von Seeminen sowie Drohnen- und Raketenangriffe unverzüglich einstellen und jegliche Versuche unterlassen muss, den kommerziellen Schiffsverkehr durch die Meerenge zu stören, um der Resolution 2817 des UN-Sicherheitsrats nachzukommen.
Eine von mehr als 100 Staaten im Menschenrechtsrat unterstützte Resolution hat diese Realität anerkannt und Iran aufgefordert, den Opfern, einschließlich der von Angriffen auf Energiesysteme und essenzielle Dienstleistungen Betroffenen, vollständige, wirksame und unverzügliche Entschädigungen zu gewähren. Dies ist Teil einer umfassenderen und eindeutigen internationalen Reaktion. Die International Maritime Organization (IMO), unterstützt von mehr als 115 Mitgliedstaaten, verurteilte ebenfalls Bedrohungen der maritimen Sicherheit und unterstrich die Notwendigkeit, die Freiheit der Schifffahrt in der Straße von Hormus zu gewährleisten. Auch die International Civil Aviation Organization (ICAO) hat davor gewarnt, dass solche Handlungen ein ernsthaftes Risiko für die Sicherheit der internationalen Luftfahrt darstellen.
In ihrer Gesamtheit senden diese Maßnahmen eine klare und geschlossene Botschaft: Die internationale Gemeinschaft wird Angriffe auf Souveränität, Zivilpersonen oder kritische Infrastruktur nicht tolerieren. Vor diesem Hintergrund sind die VAE bereit, internationale gemeinsame Anstrengungen zur Sicherung der maritimen Sicherheit und zur Gewährleistung eines ununterbrochenen globalen Handelsflusses zu unterstützen.
Sowohl die Vereinigten Arabischen Emirate als auch Deutschland sind tief in globale Lieferketten eingebunden. Wo sehen Sie Chancen für eine engere Zusammenarbeit beider Länder im maritimen Handel und in der Logistik?
Alattar: Die Beziehungen zwischen den VAE und Deutschland sind eng und belastbar. Der Nicht-Öl-Handel zwischen unseren beiden Ländern erreichte 2024 ein Volumen von 13,8 Milliarden US-Dollar, was einem Anstieg von 5,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Allein im ersten Halbjahr 2025 legte der bilaterale Nicht-Öl-Handel um weitere 19 Prozent zu, getragen von einem bemerkenswerten Anstieg der Exporte der VAE nach Deutschland um 110 Prozent. Dies sind nicht bloß statistische Werte – sie zeigen vielmehr zwei hochgradig komplementäre Volkswirtschaften, die immer mehr Gründe finden, ihre Zusammenarbeit auszubauen.
Die unmittelbarste Chance liegt in der Rolle der VAE als Tor zu internationalen Märkten. Rund 2.000 deutsche Unternehmen unterhalten Niederlassungen in den VAE, von denen viele als regionale Hauptsitze für Afrika und Asien fungieren. Während das Netzwerk der „Comprehensive Economic Partnership Agreements“ der VAE kontinuierlich wächst und inzwischen mehr als ein Viertel der Weltbevölkerung umfasst, erhalten deutsche Exporteure über unsere Häfen und Freizonen Zugang zu dynamischen Wachstumsmärkten. Dadurch sind die VAE zu einem der leistungsfähigsten Handelsdrehkreuze der Welt geworden. Jebel Ali ist für deutsche Waren nicht lediglich ein Umschlagplatz, sondern ein Sprungbrett nach Asien, Afrika und auf den indischen Subkontinent.
Ein zweites Kooperationsfeld ergibt sich aus der Energiewende in der Schifffahrt. Deutschland hat zusätzliche 400 Millionen Euro aus seinem Klima- und Transformationsfonds angekündigt, um klimaneutrale Schifffahrt und die Modernisierung von Häfen zu fördern, einschließlich Bunkerinfrastruktur für alternative Kraftstoffe und der Entwicklung grüner Schifffahrtskorridore. Die VAE sind über Masdar und
ADNOC weltweit führend im Bereich erneuerbarer Energien und bedeutende Investoren in grünen Wasserstoff sowie kohlenstoffarmes Ammoniak.
Damit sind die VAE ein natürlicher Partner beim Aufbau jener Kraftstoff-Lieferketten, die die deutsche Schifffahrtsbranche in den kommenden Jahrzehnten benötigen wird. Fortschritte im Rahmen des 2022 unterzeichneten „UAE–Germany Energy Security and Industry Accelerator Agreement“ haben bereits Investitionen in kohlenstoffarmes Ammoniak und LNG ermöglicht sowie Masdars Beteiligung am Offshore-Windpark Baltic Eagle in Deutschland und weitere Projekte in Vorbereitung unterstützt.
Auch Wasser spielt in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle. Die VAE investieren in effizientere und emissionsärmere Entsalzungstechnologien sowie in einen intelligenteren Umgang mit Wasser in Küsten- und Industriegebieten und arbeiten dabei mit internationalen Partnern, darunter auch aus Deutschland, zusammen. Diese Maßnahmen tragen dazu bei, dass Handelszentren, die für den Welthandel von zentraler Bedeutung sind, über verlässliche Ressourcen verfügen und zugleich Umweltverträglichkeit und Systemeffizienz berücksichtigen.
Die gegenwärtigen Störungen globaler Lieferketten haben die Bedeutung widerstandsfähiger, diversifizierter und nachhaltiger Logistikkorridore deutlicher gemacht als je zuvor. Die VAE und Deutschland sind hervorragend positioniert, diese Entwicklungen gemeinsam voranzutreiben.
Welche Strategien verfolgen die Vereinigten Arabischen Emirate, um die Widerstandsfähigkeit ihrer maritimen Lieferketten angesichts geopolitischer Risiken und Krisen zu stärken?
Alattar: Trotz der terroristischen Angriffe Irans bleibt die Wirtschaft der VAE stabil, robust und eng mit der Weltwirtschaft verbunden. Diese Stärke beruht auf jahrelanger Diversifizierung, Offenheit und vorausschauender Politik. Wir haben starke Partnerschaften mit globalen Märkten aufgebaut und ein Geschäftsumfeld geschaffen, das zu den wettbewerbsfähigsten der Welt zählt. Dadurch befinden wir uns in einer starken Position, aktuelle Herausforderungen zu bewältigen und Investitionen des öffentlichen wie des privaten Sektors zu schützen. Einschüchterungsversuche werden daran nichts ändern.
Die VAE haben über Jahrzehnte hinweg gezielt Redundanzen in ihrem Logistiknetzwerk aufgebaut. Dazu gehört eine hoch entwickelte multimodale Infrastruktur einschließlich eines mehr als 900 Kilometer langen nationalen Eisenbahnnetzes, das Häfen an der Ost- und Westküste miteinander verbindet und praktische sowie effiziente Alternativen für den Gütertransport bietet.
Darüber hinaus bedeutet das wachsende Netzwerk von „Comprehensive Economic Partnership Agreements“ der VAE – mit mehr als 35 abgeschlossenen Abkommen in den Märkten Asiens, Afrikas, Europas, Lateinamerikas und darüber hinaus –, dass unsere Wirtschaft nicht von einem einzelnen Transportkorridor oder Partner abhängig ist. Wenn eine Route beeinträchtigt wird, verschaffen uns unsere Handelsbeziehungen die notwendige Flexibilität, um uns anzupassen.
Zudem haben wir neue Maßnahmen zur Vereinfachung von Transitfrachtverfahren eingeführt, grüne Korridore ausgebaut und starten Pilotprojekte wie das „Advance Cargo Information System“ sowie einen neuen maritimen Feederdienst zwischen der Region und Indien. Hochrangige Koordinierungstreffen zwischen den Handelsministern der VAE, Führungskräften globaler Schifffahrtsunternehmen und maritimen Verbänden haben eine praxisorientierte Plattform geschaffen, um nachhaltige Lösungen in Echtzeit und nicht erst nach Eintritt von Störungen zu entwickeln. Dadurch wird die Position der VAE als hocheffizientes und hervorragend vorbereitetes globales Handelszentrum weiter gestärkt.




