
Herr Botschafter, Großbritannien ist ein zentraler maritimer Knotenpunkt – mit London als führendem Versicherungs- und Schiedsstandort für die Schifffahrt. Wie stellt sich das Vereinigte Königreich strategisch auf, um diese Rolle zu stärken?
Andrew Mitchell CMG: Der Ansatz des Vereinigten Königreichs in der maritimen Politik ist vielschichtig – denn die Herausforderungen und Bedrohungen, denen wir gegenüberstehen, sind ebenso vielfältig. Dabei spielt auch die Innovation eine wichtige Rolle.
Unser Ansatz zielt darauf ab, Sicherheit zu gewährleisten, wirtschaftliches Wachstum zu fördern, die Umwelt zu schützen und die internationale maritime Zusammenarbeit zu stärken. Um den zunehmenden Bedrohungen für unsere Meere – von russischer Aggression über Schattenflotten, Sabotage, Piraterie bis hin zu Menschenschmuggel – zu begegnen, ist globales Handeln erforderlich. Deshalb engagiert sich das Vereinigte Königreich aktiv in multilateralen Organisationen und mit bilateralen Partnern wie Deutschland, um die maritime Sicherheit zu stärken und gegenseitiges Verständnis sowie Zusammenarbeit zu fördern. Die City of London pflegt eine einzigartige und langjährige Beziehung zur globalen maritimen Industrie – ob es sich um erstklassige juristische Expertise, Versicherungen oder das Schiffsregister von 1764 handelt. Unsere begehrten Rechts- und Finanzdienstleistungen sind verankert in Fachwissen und Innovation für den maritimen Sektor.
Englisches Recht ist in der Schifffahrt das mit Abstand am häufigsten gewählte Vertragsrecht. Worin sehen Sie die Gründe für diese anhaltende Attraktivität – gerade auch aus Sicht europäischer Partner wie Deutschland?
Andrew Mitchell CMG: Die Dominanz des britischen Rechts bei maritimen Streitigkeiten lässt sich auf mehrere Faktoren zurückführen. Zunächst spielt die Geschichte des Vereinigten Königreichs als Seefahrernation eine bedeutende Rolle. Britische Schiffe verbreiteten ihre Rechtsstandards und Praktiken weltweit. Im Laufe der Jahrhunderte entwickelte sich daraus schließlich das internationale Seerecht. Zudem hat die lange Tradition britischer „admiralty courts“ – ein spezialisiertes Gericht im Vereinigten Königreich für maritime Angelegenheiten – zur Entwicklung eines umfangreichen Korpus an Rechtsprechung und juristischen Grundsätzen geführt. Darüber hinaus sorgt die große Anzahl an Fällen über Jahrhunderte hinweg für eine breite Grundlage an Präzedenzfällen. Unser Rechtssystem ist bekannt für die zügige Bearbeitung von Fällen sowie für die Fairness des Verfahrens – was wiederum gut für die Wirtschaft ist.
Deutschland und das Vereinigte Königreich sind beide bedeutende Schifffahrtsnationen mit global agierenden Reedereien. Wo sehen Sie das größte Potenzial für eine vertiefte bilaterale Zusammenarbeit?
Andrew Mitchell CMG: Die maritime Zusammenarbeit zwischen dem Vereinigten Königreich und Deutschland ist strategisch entscheidend für die Sicherheit und Stabilität der europäischen Gewässer. Das wegweisende Trinity-House-Abkommen, das der britische Verteidigungsminister John Healy und sein deutscher Amtskollege Boris Pistorius im vergangenen Herbst unterzeichnet haben, zielt darauf ab, die britisch-deutsche Marinekooperation weiter zu stärken – mit besonderem Fokus auf den Nordatlantik und die Nordsee.
Und wir arbeiten bereits sehr eng zusammen. So wird beispielsweise das Seefernaufklärungsflugzeug P-8A Poseidon der Deutschen Marine gemeinsame Einsätze vom RAF-Stützpunkt Lossiemouth in Schottland aus durchführen, um die maritime Überwachung und U-Boot-Abwehr im Nordatlantik zu verbessern. Ein starkes Symbol unserer engen bilateralen maritimen Beziehungen und des britischen Engagements für die Verteidigungs- und Sicherheitsbeziehungen mit Deutschland war das Anlegen des britischen Flugzeugträgers „HMS Queen Elizabeth“ im vergangenen November in Hamburg – der erste Besuch eines britischen Flugzeugträgers in Deutschland seit 2011.
Die maritime Welt steht vor enormen Herausforderungen – von der Dekarbonisierung bis zur Sicherheitslage auf den Weltmeeren. Welche Rolle kann und sollte Großbritannien gemeinsam mit seinen europäischen Partnern, insbesondere Deutschland, in der globalen Schifffahrtspolitik spielen?
Andrew Mitchell CMG: Das Vereinigte Königreich und Deutschland können und müssen eine Führungsrolle bei der Bekämpfung maritimer Bedrohungen übernehmen. Dazu gehören vielfältige Formen der Zusammenarbeit. Durch die Beteiligung an maritimen Sicherheitsinitiativen wie Anti-Piraterie-Einsätzen und dem Schutz kritischer maritimer Infrastruktur können beide Länder beispielsweise die Sicherheit internationaler Schifffahrtsrouten gewährleisten. Eine technologische Zusammenarbeit bei der Entwicklung fortschrittlicher Überwachungs- und Verteidigungssysteme auf See kann es beiden Ländern ermöglichen, Bedrohungen frühzeitig zu erkennen und zu neutralisieren.
Durch diese gemeinsamen Anstrengungen können das Vereinigte Königreich und Deutschland die maritime Sicherheit erheblich stärken und zur Stabilität der europäischen und globalen Gewässer beitragen.




