
Herr Botschafter, wie wichtig ist die Handelsschifffahrt aus polnischer Sicht für die Versorgung und Sicherheit Europas?
Jan Tombiński: Der Seehandel und die Terminals in der Ostsee spielen eine besonders wichtige Rolle bei der Gewährleistung der Energiesicherheit, da sie die Diversifizierung der Energieversorgung und den Import von Energieträgern, darunter Erdöl und Erdgas, aus alternativen Richtungen ermöglichen und uns von Russland unabhängiger machen. Sie sind außerdem für die Mobilität der NATO-Truppen und die Sicherheit des Bündnisses von entscheidender Bedeutung.
Die Schlüsselrolle der Seehäfen erfordert eine konsequente und wirksame Stärkung ihrer Widerstandsfähigkeit und eine absolute Garantie ihrer Sicherheit als Voraussetzungen für den zuverlässigen Betrieb. Die polnische Regierung verfolgt bei der Entwicklung der Seehäfen einen systemischen Ansatz. Im laufenden Jahr wollen wir fast eine halbe Milliarde Euro für die Entwicklung der maritimen Wirtschaft bereitstellen. Unsere Investitionsprojekte konzentrieren sich nicht nur auf die reine Hafeninfrastruktur, sondern betreffen auch die Zugangsinfrastruktur sowie Fragen der Sicherheit.
Noch 2004 hatten die polnischen Häfen mit weniger als 57 Millionen Tonnen Umschlag nur eine marginale Bedeutung für den internationalen Seeverkehr. Ein grundlegender Wandel ließ den Wert seit 2010 rasch wachsen. 2023 wurden in den polnischen Häfen insgesamt 145,7 Mio. Tonnen Fracht umgeschlagen, bei einem EU-weiten Gesamtvolumen von 3,4 Mrd. Tonnen. Zunehmend an Bedeutung gewinnen dabei Container. 2024 erreichte ihre Zahl den Rekordwert von knapp 3,3 Mio. TEU. Mit der Eröffnung des Tiefwasser-Terminals in Swinemünde wird sich das Volumen um 2 Mio. TEU erhöhen.
Wie können Polen und Deutschland in der maritimen Sicherheit enger zusammenarbeiten?
Jan Tombiński: Wir sollten die Seehäfen sowohl für die Kurzstreckenseefahrt ausbauen, etwa im Rahmen des Europäischen Seeverkehrskonzepts, das Bestandteil der Transeuropäischen Verkehrsnetze TEN-V ist, als auch für den Hochseeverkehr etwa der großen Linienreedereien der Welt. Die derzeitige hochkomplexe geopolitische Lage macht es dringend erforderlich, dass die Hafenstruktur in vollem Umfang bereit ist, strategische Lieferungen – nicht nur für den zivilen, sondern auch für den militärischen Sektor – effizient aufzunehmen. Die Versorgung muss ohne die geringste Unterbrechung, kontinuierlich und vorhersehbar funktionieren. Der Austausch von Erfahrungen, ein guter Informationsfluss und gemeinsame deutsch-polnische Projekte und Übungen werden die Sicherheit nicht nur unserer Länder, sondern auch des gesamten Bündnisses stärken.
Mit dem Motto „Es geht um die Sicherheit, Europa!“ hat Polen die EU-Ratspräsidentschaft übernommen. Welche Prioritäten setzt Ihr Land im Bereich Schifffahrt?
Jan Tombiński: Im Bereich Seeschifffahrt setzt die polnische Ratspräsidentschaft u.a. die Arbeiten zur Änderung der Verordnung über die Europäische Agentur für die Sicherheit des Seeverkehrs (EMSA) fort, damit diese die Mitgliedstaaten und die Kommission überall dort technisch, operativ und wissenschaftlich unterstützen kann, wo es um die Gewährleistung der Sicherheit und der Gefahrenabwehr im Seeverkehr sowie um die ökologische oder um die digitale Transformation des Sektors geht. Unser Schwerpunkt liegt auf der Verbesserung der Verteidigungs- und Abschreckungsfähigkeiten, um unsere Meeresbodeninfrastruktur, nicht zuletzt in der Ostsee, besser gegen hybride Bedrohungen zu schützen.




