Die schwarz-rote Koalition hat sich für die laufende Legislaturperiode einiges vorgenommen – zu den wichtigsten Versprechen gehört der Bürokratieabbau. Alle unnötigen und kostspieligen bürokratischen Hürden, die sich über die Jahre aufgebaut haben, müssten auf den Prüfstand, fordert Digitalminister Dr. Karsten Wildberger: „Die Menschen und Unternehmen wünschen sich wieder mehr Freiräume und Vertrauen statt immer neuer Vorgaben. Zu viele Regeln, Sonderregeln und bürokratische Hürden bremsen unser Land, belasten die Wirtschaft und sorgen für Frust.“
Die Bürokratiebelastung sei inzwischen das „Top-Thema“ für die Unternehmen, so Rainer Kambeck, Bereichsleiter Wirtschafts- und Finanzpolitik bei der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK). Das bestätigt auch der aktuelle „Maritime Industry Report 2025“, den die maritime Weltleitmesse SMM kürzlich vorgestellt hat: Den befragten Reedereiverantwortlichen macht nach dem Fachkräftemangel und den hohen Energiekosten die Belastung durch Bürokratie am meisten Bauchschmerzen (71 Prozent sind deswegen „ziemlich“ oder „sehr“ besorgt, s. Grafik S. 18). „Wir verwalten uns zu Tode. Unsere Beschäftigten an Land und auf See müssen mit immer neuen Regularien und einer Fülle von Formularen kämpfen. Dazu kommt, dass wir in Deutschland die Neigung haben, Verordnungen aus Brüssel 200-prozentig zu erfüllen“, sagt Peter Oltmann, Geschäftsführer der gleichnamigen Schifffahrtsgesellschaft und langjähriges Präsidiumsmitglied des Verbands Deutscher Reeder (VDR).
Im Dickicht der Berichtssysteme
Ein besonders gravierendes Beispiel sind die zunehmenden Berichtspflichten und regionalen Sonderwege im Zuge von Klimaschutzvorgaben. Zahlreiche Daten müssen auf nationaler, europäischer und globaler Ebene gemeldet werden – oft mehrfach, in unterschiedlichen Systemen und zu abweichenden Fristen. Ein unzumutbarer Aufwand, gerade für kleine und mittelständische Reedereien, die mit 80 Prozent den Großteil der deutschen Schifffahrtsbranche ausmachen.
Ein Blick in die Praxis verdeutlicht die Dimensionen: Die norddeutsche Familienreederei Rambow betreibt zwölf Containerschiffe und zwei Mehrzweckschiffen. „An Bord verbringen wir mittlerweile fast mehr Zeit mit Bürokratie als mit unserem eigentlichen Job, der Navigation und Instandhaltung der Schiffe“, berichtet Kapitän Manfred Hirsch. „Wir müssen Emissionsdaten in viele verschiedene Systeme eintragen, jedes mit eigenen Anforderungen und Fristen. Der Aufwand ist für die Offiziere neben dem operativen Tagesablauf kaum noch zu bewältigen.“


Zu viele Regeln, Sonderregeln und bürokratische Hürden bremsen unser Land, belasten die Wirtschaft und sorgen für Frust.
Dr. Karsten Wildberger, Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung
Protokollieren statt transportieren
Das gelte auch für den Landbetrieb, so Hirschs Chef Malte Rambow: „Unser Reedereigeschäft wird zunehmend durch Bürokratie ausgebremst. Wir sehen uns mit einer Flut regionaler Sondervorschriften, stetig wachsenden Anforderungen und oft unklaren Berichtspflichten konfrontiert. Diese Belastung bedroht unsere Wettbewerbsfähigkeit und drängt unser Kerngeschäft – den Transport von Waren auf See und die Betreuung des Schiffsbetriebs von Land aus – immer mehr in den Hintergrund.“
Seit 2024 ist die Schifffahrt Teil des EU-Emissionshandelssystems (EU-ETS). Es verpflichtet die Branche, CO₂-Emissionen zu erfassen und Zertifikate für ausgestoßenes CO₂ zu kaufen. Doch die Vorgabe zur Umsetzung durch den Deutschen Bundestag ließ lange auf sich warten. Das bedeutete für die deutsche Schifffahrt viel Unsicherheit. Mittlerweile sind andere Regionen wie die Türkei und England dabei, eigene Emissionshandelssysteme für die Schifffahrt zu schaffen.
Die Mitgliedstaaten der Internationalen Seeschifffahrts-Organisation (IMO) konnten sich bislang nicht auf globale Klimaschutzregelungen für die Schifffahrt einigen und haben ihre Entscheidung auf das kommende Jahr vertagt. Die Chance auf einheitliche und wirksame weltweite Regeln ist damit in die Ferne gerückt. Der Flickenteppich aus regionalen Vorschriften sorgt für Verwaltungschaos und hat erhebliche Auswirkungen auf die operativen Abläufe von Reedereien. „Unsere Unternehmen können sich keine eigene Abteilung für Bürokratie leisten“, sagt VDR-Hauptgeschäftsführer Martin Kröger. „Wir brauchen dringend eine Initiative zur Verschlankung der Berichtsflut und zum Verzicht auf europäische Sonderwege.“



Gut gemeint statt gut gemacht
Die Hamburger Reederei Hapag-Lloyd ist mit knapp 300 Containerschiffen auf den Weltmeeren unterwegs. „Die Einbindung der Schifffahrt in das EU-ETS wird der Umwelt und den Menschen spürbar zugutekommen, aber leider ist die Umsetzung extrem aufwendig“, sagt Wolfram Guntermann, Director Regulatory Affairs. „Es müssen dringend weltweit einheitliche Standards etabliert werden, denn die Schifffahrt ist und bleibt ein internationales Geschäft.“
Für Reedereien kommen neben den Pflichten im Rahmen des EU-ETS noch Anforderungen der FuelEU Maritime-Verordnung hinzu, die in Europa festlegt, dass die Treibhausgasintensität der Schiffsenergie einen bestimmten Grenzwert nicht überschreiten darf – ein zusätzlicher bürokratischer Aufwand. „Die darin festgelegten Verantwortlichkeiten sind nicht praxisgerecht“, kritisiert Kröger.


In Deutschland haben wir die Neigung, Verordnungen aus Brüssel 200-prozentig zu erfüllen.
Peter Oltmann, Geschäftsführer, Schiffahrtsgesellschaft Oltmann
Wesentlicher Bürokratieabbau ist auch jenseits der EU-Umweltvorgaben nötig. Dazu gehören die Vereinfachung von Flaggen- und Ausflaggungsverfahren, steuerliche Entlastungen wie die Ausweitung der Tonnagesteuer auf Offshore-Schiffe und die Abschaffung der Versicherungsteuer auf Seeschiffsversicherungen sowie der Wegfall unnötiger Visumspflichten für Seeleute. Auch die Fortführung der NaMKü-Förderrichtlinie würde Investitionen erleichtern.
Solche Maßnahmen reduzieren den Verwaltungsaufwand, stärken die Wettbewerbsfähigkeit und schaffen Freiräume für die Transformation der Schifffahrt. Auch die europäische Richtlinie zur Nachhaltigkeitsberichterstattung (Corporate Sustainability Reporting Directive) stellt die Branche vor weitere Herausforderungen. Seit 2024 sind große Unternehmen verpflichtet, detaillierte Berichte zu erstellen, die weit über CO₂-Emissionen hinausgehen. Auch bei kleinen und mittelständischen Reedereien, für die diese Vorschriften ab 2026 gelten, werden dadurch erhebliche Ressourcen gebunden.

Kosten der Bürokratie
Überbordende Bürokratie kostet Deutschland laut einer Studie des Münchner ifo Instituts jährlich bis zu 146 Milliarden Euro an Wirtschaftsleistung. „Das große Ausmaß der Kosten durch die Bürokratie verdeutlicht die Dringlichkeit des Reformbedarfs“, sagte der Leiter des ifo Zentrums für Industrieökonomik und neue Technologien, Oliver Falck.
„Die Kosten von Nichtstun sind riesig, gemessen am Wachstumspotenzial, das im Bürokratieabbau schlummert.“ Einer der Gründe für die hohen Kosten ist demnach die mangelnde Digitalisierung des Staates und seiner Behörden. „Würde Deutschland bei der Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung auf das Niveau von Dänemark aufschließen, wäre die Wirtschaftsleistung um 96 Milliarden Euro pro Jahr höher“, sagte Falck.
Umsetzung angemahnt
Bei der Vorstellung ihrer Leitlinien Anfang des Jahres hatte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen den Unternehmen den Abbau von Bürokratie in Aussicht gestellt. Hauptaufgabe des Letten Valdis Dombrovskis als Kommissar für „Umsetzung und Vereinfachung“ ist es, das bestehende Regelwerk gründlich zu überprüfen und überflüssige oder komplizierte Vorschriften zu vereinfachen.
Das Ziel: die Bürokratiekosten in der EU um 25 Prozent zu senken – für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) sogar um 35 Prozent. Höchste Zeit, findet Bundeskanzler Friedrich Merz: „So wie diese Europäische Union immer mehr, immer mehr, immer mehr reguliert hat – so kann es nicht weitergehen“, sagte Merz im Vorfeld einer Kabinettsklausur Anfang Oktober. Dabei wurden für Deutschland rund 80 Maßnahmen zur Entbürokratisierung und Digitalisierung der Bundesverwaltung beschlossen, was die Kosten um 16 Milliarden Euro senken soll. VDR-Hauptgeschäftsführer Kröger mahnt, dabei die Schifffahrt nicht zu vergessen: „Auch wir brauchen dringend konkrete Maßnahmen, um den Verwaltungsaufwand schnell auf ein vertretbares Maß zu reduzieren.“
Eine einheitliche deutsche Flaggenstaatsverwaltung, in der alle wesentlichen Aufgaben gebündelt sind, als zentralen Ansprechpartner für die Reedereien
Eine Optimierung der Schifffahrtsförderung des Bundes durch Angleichung der Fristen für mehr Planungssicherheit sowie durch erleichterte Bewilligungsverfahren und eine Hamonisierung der Fördervoraussetzungen
Eine Flexibilisierung bei der Schiffsbesetzung, eine
Angleichung der Arbeitszeiten an internationale Standards, eine schnellere Anerkennung ausländischer Befähigungszeugnisse, einen Verzicht auf besondere Gefahrgutbeauftragte und die Vermeidung von Mehrfach-Schiffsbesichtigungen durch Hafenstaat, Klassifikationsgesellschaft und Flaggenstaatsverwaltung
Eine Digitalisierung wichtiger Verwaltungsakte, darunter etwa der Prozess der Befreiung ausländischer Seeleute von der Rentenversicherungspflicht, den Kurs Deutsches Schifffahrtsrecht für Kapitäne, Rechtsvorschriften für Schiffe unter deutscher Flagge; außerdem die Einrichtung eines zentralen elektronischen Portals für alle erforderlichen Zertifikate und zur Kommunikation mit der Flaggenstaatsverwaltung.




