
Was haben Helgoland und ein Kreuzfahrtschiff gemeinsam? „Den freien Blick aufs Meer und den Horizont: Den hat man von vielen Ecken der Insel und auch vom Deck und den meisten Kabinen unserer Schiffe aus“, sagt Wybcke Meier. Sie kennt sich mit beidem aus: Schließlich ist sie auf Deutschlands einziger Hochseeinsel aufgewachsen und steuert nun seit mittlerweile zehn Jahren die Kreuzfahrtreederei TUI Cruises.
Da ist die Faszination Meer ja Programm – bei ihr war das trotz ihrer maritimen Herkunft nicht immer so: „Bis ich 14 war, wurde ich furchtbar seekrank“, erzählt Meier. Die Fährfahrten – eine Tortur. Mit 16 zieht sie nach Hamburg zu ihrem Bruder, um dort ein fremdsprachlich orientiertes Abitur zu machen. Das Thema Tourismus hat es ihr angetan. Nach einem Job als Reiseleiterin auf den Balearen absolviert sie eine Ausbildung zur Reiseverkehrskauffrau. Bei einem Veranstalter, der sich auf die kurzfristige Vermarktung von Spanien-Angeboten spezialisiert hat, steigt sie zur Geschäftsführungsassistentin auf. Ein Ausflug in die New Economy führt sie zur Jahrtausendwende zu einem Reisekanal: „Die Vorstellung war, dass die Leute im großen Stil Reisen über die TV-Fernbedienung buchen würden“, erinnert sie sich schmunzelnd.
Klassischer geht es beim Türkei-Spezialisten Öger-Tours zu, wo sie Marketing und Vertrieb verantwortet. Nach acht Jahren wechselt sie als Geschäftsführerin zu einem renommierten Luxusreiseanbieter nach Berlin. „Hier gab es natürlich schon Berührungspunkte zum Thema Kreuzfahrt – allerdings im sehr hohen Preissegment.“ Als die ausgewiesene TouristikExpertin die Zielvorgabe – den erfolgreichen Verkauf des Unternehmens – erreicht hat, meldet sich TUI mit einem reizvollen Angebot: Als Chefin soll sie TUI Cruises weiterentwickeln, ein Joint Venture des weltgrößten Touristikkonzerns und Royal Caribbean, der Nummer 2 im globalen Kreuzfahrtmarkt, „2014 hatten wir drei Schiffe, zwei für den deutschen Markt auf der Lloyd Werft in Bremerhaven umgerüstete von Royal Caribbean und ein gerade von der Meyer Werft in Turku ausgeliefertes – ein weiteres war im Bau.“
Meier nimmt die Herausforderung an, sie reizt das Thema Kreuzfahrt als „organisierteste Reiseform“. Außerdem empfindet sie die Verbindung aus überragender Kenntnis des deutschen Reisemarkts (TUI) und langjähriger Erfahrung im Kreuzfahrtbusiness (Royal Caribbean) als ideal.
Komfort geht vor
Der Markt ist in Bewegung, Wettbewerber AIDA Cruises hat mit seinem Konzept des Cluburlaubs an Bord den Weg zur Popularisierung der Kreuzfahrt geebnet. „Unser Ansatz ist ein anderer“, sagt Meier. Ziel ist ein „Rundum-sorglos-Paket“: Die Reederei kümmert sich buchstäblich um alles, damit die Gäste sich wohlfühlen. „Für viele ist das die komfortabelste Art zu reisen“, sagt Meier. Entsprechend ungebrochen ist der Boom im Segment. TUI Cruises ist dafür gerüstet: „Die Weichen für Wachstum waren schon gestellt, bis 2019 konnten wir trotz knapper Werftkapazitäten jedes Jahr ein Schiff in Dienst stellen.“
Dass viele Häfen mittlerweile über „Overtourism“ klagen, kann sie verstehen. Sie setzt auf partnerschaftlichen Austausch mit den Verantwortlichen vor Ort. „Es geht darum, gemeinsam Lösungen zu finden“, sagt Meier. Als Beispiel nennt sie Dubrovnik, das die Zahl der Anläufe begrenzt hat. „Eine Win-win-Situation, weil die Stadt weiter von der Wertschöpfung profitiert und die Gäste beim Landgang eine schönere Erfahrung machen.“ Eine Anmerkung hat sie noch: Hotspots wie Barcelona litten unter Wohnraumknappheit, weil die Umwidmung zu Ferienapartments überhandgenommen habe. Daran immerhin seien die Kreuzfahrer unschuldig: „Wir bringen die Zimmer für unsere Gäste und Angestellten schließlich selber mit.“


Kurzfristig ist auf unseren Schiffen oft nicht mal für die Chefin was frei, weil wir so gut gebucht sind.“
Wybcke Meier, Geschäftsführerin TUI Cruises
Zielgruppen im Visier
Neben der Route steht Bequemlichkeit auch für deutsche Passagiere an oberster Stelle. Im Trend liegen deshalb mittlerweile Starthäfen, bei denen die Anreise per Flugzeug entfällt. „Da spielen sicher Nachhaltigkeitserwägungen eine Rolle, aber vielen ist schlicht die Abwicklung am Flughafen lästig.“ Erfolgreich ist die Reederei auch mit Kreuzfahrten für spezielle Zielgruppen. Legendär – und immer gleich ausgebucht – sind etwa die Full-Metal-Cruises, augenzwinkernd als „lauteste Kreuzfahrt Europas“ beworben. „Für Liebe, Akzeptanz und Vielfalt“ steht die Themenreise „Bunte Horizonte“, die sich an die queere Community wendet. Selbst eine Tattoo-Reise ist im Angebot, und Prominente bis hin zu Superstars wie Robbie Williams dienen immer wieder als Zugpferde.
Von TUI kommt touristisches Vertriebs-Know-how, Royal Caribbean unterstützt mit Expertise im Schiffsmanagement: Der Kontakt zu den Mutterfirmen ist eng, aber TUI Cruises agiert eigenständig – sogar, wenn es um Investitionen in Neubauten geht: „Wir finanzieren uns selbst“, sagt Meier – nicht zuletzt auch über den Kapitalmarkt: Gerade erst hat Meiers Kollege, der langjährige CFO Frank Kuhlmann, erfolgreich eine Anleihe über 375 Millionen Euro platziert. Auch Export-Bürgschaften helfen bei der Finanzierung. Wybcke Meier betont, dass ein Großteil der Wertschöpfung bei europäischen Werften und Zulieferern stattfindet. „Es ist eine wichtige Aufgabe der Politik, dieses maritime Know-how in Europa zu erhalten.“ Hier ziehen Kreuzfahrtreedereien und Schiffbauer an einem Strang.
Nachhaltig auf Kurs
TUI Cruises ist Mitglied im Kreuzfahrtverband CLIA, aber auch im Verband Deutscher Reeder: „Bei vielen Themen sitzen wir alle in einem Boot, da sollten wir auch gemeinsam vorfahren“, sagt Meier. Auf politischer Ebene das Gespräch zu suchen, sei wichtig. Innerhalb der Schifffahrt nehme die Kreuzschifffahrt mit rund 400 Schiffen weltweit zwar nur eine Nischenposition ein, sei aber besonders sichtbar. Umso wichtiger sei die Vorreiterrolle beim Umweltschutz.
Als Beispiel nennt Meier die gerade in Dienst gestellte „Mein Schiff 7“, die für grünes Methanol vorbereitet ist und den neuen Brennstoff 2026 erstmals nutzen soll. Dafür gibt es sogar Lob vom NABU. „Wir haben es trotz des Ausbaus der Flotte geschafft, unseren CO2-Fußabdruck kontinuierlich zu senken“, berichtet Meier. „In unserer Klimaschutz-Roadmap haben wir festgelegt, dass wir mit der TUI Group die absoluten
CO2e-Emissionen der TUI Reedereien bis 2030 um 27,5 Prozent senken wollen.“
Das gelingt zum Beispiel durch die Nutzung von grünem Landstrom während der Liegezeit in den Häfen. Dazu kommen Maßnahmen zur Luftreinhaltung und aufwendige Systeme zur Abfallentsorgung und Wasseraufbereitung. Nachhaltigkeit ist ein Thema, das auch die Passagiere zunehmend bewegt: „Früher war das Interesse der Gäste an Umweltthemen bei den nautisch-technischen Fragestunden an Bord eher gering – das hat sich deutlich verändert, es kommen wesentlich mehr Fragen zu unseren nachhaltigen Aktivitäten. Selbst Vielfahrer erfahren immer wieder Neues oder Bewährtes, etwa dass wir 96 Prozent unseres Frischwasserbedarfs an Bord selbst produzieren“, so Meier.
Immer wieder ist auch Krisenmanagement gefragt – wie für alle war die größte Krise die Pandemie, aber auch der Impact durch geopolitische oder Extremwetterereignisse gehört zum Alltag. Die Maxime von TUI Cruises ist eindeutig: „Die Sicherheit unserer Passagiere und der Crews steht an erster Stelle“, sagt Meier. Wenn die Lage es erfordert, wird kurzfristig umgeplant, um gefährliche Regionen zu meiden. „Es gibt immer attraktive Ausweichmöglichkeiten, da haben wir es natürlich leichter als die Handelsschifffahrt“, sagt Meier.
Regelmäßig besucht sie die Schiffe ihrer Flotte, um mit Touristikern und Nautikern an Bord ins Gespräch zu kommen, aber auch von den Erfahrungen der Gäste zu lernen. Bei ihrer eigenen Urlaubsplanung liebt die 56-Jährige die Abwechslung: Berge, Meer, aber auch mal eine Kreuzfahrt: „Kurzfristig ist da allerdings nicht mal für die Chefin was frei, weil wir so gut gebucht sind“, sagt die Managerin. Immerhin war sie zuletzt einige Tage auf dem Expeditionsschiff „Hanseatic Spirit“ der Marke Hapag-Lloyd Cruises unterwegs – und hat es sehr genossen.


Es gibt immer attraktive Ausweichmöglichkeiten, da haben wir es natürlich leichter als die Handelsschifffahrt.
Wybcke Meier, Geschäftsführerin TUI Cruises
Vielfalt ist Trumpf
Für die Zukunft des Marktes ist die 56-Jährige optimistisch: Sie sieht ein Potenzial von 4 bis 4,5 Millionen Kreuzfahrtpassagieren in Deutschland – zuletzt waren es rund 3 Millionen. Ihr Unternehmen ist da gut aufgestellt: „Wir freuen uns, dass wir als einzige Reederei weitere Schiffe geordert haben.“ Im April 2025 steht die Taufe der „Mein Schiff Relax“ an, 2026 geht ein weiteres Schiff der InTUItion-Klasse an den Start. Für Meier immer wieder ein Highlight: „Ich begleite die Neubauten sehr intensiv und finde es am schönsten, wenn ein Schiff zum Leben erweckt wird.“
Wie soll das Schiff aussehen, was muss es können, welche Regionen und Routen sind gefragt, welche Häfen sind für Landgänge attraktiv, wo kann man Lebensmittel und Treibstoff bunkern, welche Unterhaltungsangebote soll es geben, was steht auf dem Speiseplan? So viel Vielfalt gebe es in kaum einer anderen Branche, so die Geschäftsführerin: „Darum kommt auch nach zehn Jahren noch keine Langeweile auf.“

Hintergrund: TUI Cruises
Das Unternehmen wurde 2008 als Joint Venture zwischen dem deutschen Touristikkonzern TUI und der US-Reederei Royal Caribbean Cruises gegründet. Die Flotte besteht derzeit aus sieben „Mein Schiff“-Kreuzfahrtschiffen mit Platz für insgesamt knapp 18.800 Passagiere und den fünf Schiffen des Tochterunternehmens Hapag-Lloyd Cruises für knapp 1.600 Gäste. Bis 2026 werden zwei weitere Zugänge erwartet. Insgesamt beschäftigt das Hamburger Unternehmen rund 750 Menschen an Land und 150 eigene Crewmitglieder an Bord.



