Deutschland ist eng mit Märkten und Partnern auf der ganzen Welt verbunden. Die deutsche Handelsflotte transportiert Güter rund um den Globus und trägt damit maßgeblich zu Wohlstand und Versorgung in Deutschland bei. Welche Bedeutung haben vor diesem Hintergrund offene Seewege und die Schifffahrt?
Florian Hahn: Der Beitrag der deutschen Seeschifffahrt für das Wohlergehen unserer Volkswirtschaft ist erheblich: Zwei Drittel des deutschen Außenhandels werden über den Seeweg abgewickelt. Die über 290 Reedereien und ihre mehr als 1.800 Schiffe sind Lebensadern unseres internationalen Handelsnetzes und unserer Lieferketten. Sie sichern nicht nur die Versorgung Deutschlands mit lebenswichtigen Gütern und Rohstoffen, sondern setzen auch die Exporte der deutschen Wirtschaft um. Ohne diese Branche ginge es schlicht nicht. Die deutsche Handelsflotte ist damit elementarer Bestandteil deutscher und europäischer Wirtschaftssicherheit. Sie trägt entscheidend dazu bei, unsere Versorgungsketten resilienter zu halten, strategische Abhängigkeiten zu reduzieren und unsere wirtschaftliche Handlungsfähigkeit zu sichern. Gerade in einer zunehmend fragmentierten Weltwirtschaft brauchen wir leistungsfähige maritime Strukturen, um unsere Handelsbeziehungen zu diversifizieren, neue Partnerschaften weltweit aufzubauen und unabhängiger von einzelnen Ländern und Lieferwegen zu werden. Umso wichtiger ist es, dass Seewege offen sind und offen bleiben. Genau hierfür setzt sich die Bundesregierung angesichts der vielen Krisen unserer Zeit entschieden ein.
Lassen Sie mich an dieser Stelle einen großen Dank aussprechen für den besonderen Beitrag, den die maritime Wirtschaft in Deutschland insgesamt zur Stärkung unserer politischen und wirtschaftlichen Resilienz leistet. Zu ihr gehören neben den Reedereien die Werften, unsere See- und Binnenhäfen, der Schiffsmaschinenbau, die zahlreichen Zulieferer, die Versicherungs- und Logistikdienstleister, die Branchenverbände sowie natürlich die über 400.000 Beschäftigten, die im maritimen Sektor tätig sind.
Die Entwicklungen im Roten Meer und im Golf haben gezeigt, wie stark geopolitische Spannungen die internationale Schifffahrt und damit den Welthandel beeinflussen können. Welche Rolle spielt die Sicherung der Freiheit der Schifffahrt für die deutsche Außenpolitik?
Florian Hahn: Freie Seewege zu gewährleisten, ist ein klares Anliegen der Bundesregierung – im Sinne ihrer Leitlinien: Sicherheit, Freiheit und Wohlstand. Besonderes Augenmerk müssen wir auf die maritimen Nadelöhre legen, also die Meerengen und Schifffahrtskanäle, die für den deutschen Seehandel zentral sind. Sie sind Flaschenhälse, durch die der Großteil unserer Im- und Exporte abgewickelt wird. Für die deutsche Außenwirtschaftspolitik stehen vor allem der Suezkanal, das Rote Meer und der Bab al-Mandab, die Straßen von Hormus, Malakka, Singapur und Taiwan sowie der Panamakanal im Fokus.
Der Schutz dieser maritimen ‚choke points‘ garantiert Versorgungssicherheit, Preisstabilität und wirtschaftliches Wachstum in Deutschland und Europa. Das hat sich in den vergangenen Jahren eindrucksvoll im Energiesektor gezeigt. Als Konsequenz des völkerrechtswidrigen russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine wurde Deutschlands Import von Kohle, Öl und Gas/LNG in kürzester Zeit diversifiziert – nicht zuletzt durch die Erschließung neuer Importquellen auf dem Seeweg. Diese haben uns geholfen, temporäre Preisspitzen bei Öl und Gas abzufedern, Lieferengpässe zu vermeiden und die Energiepreise für Verbraucherinnen und Verbraucher zu stabilisieren. Ohne die maritime Wirtschaft hätten wir die erheblichen Abhängigkeiten von Energieimporten aus Russland nicht so schnell reduzieren können. Gleichzeitig ist es gelungen, die russischen Einnahmen aus dem Verkauf von Kohle, Öl und Gas signifikant zu senken und die Kosten für Russlands Kriegsführung in die Höhe zu schrauben.
Maritime Nadelöhre haben überdies eine außen- und sicherheitspolitische Bedeutung. Ihr zuverlässiges Funktionieren ist kritisch im Krisenfall und unabdingbar für den Schutz unserer Sicherheit, unserer Freiheit und unseres Wohlstands. Der schnelle und verlässliche Transport von Gütern auf dem Seeweg gewährleistet unsere Resilienz und unsere Verteidigungsfähigkeit.
Deshalb müssen wir in Zukunft, gerade mit Blick auf Bedrohungen aus Russland, aber auch angesichts der Konflikte in Nahost und Ostasien, die Sicherung der freien Schifffahrt noch stärker ins Zentrum unseres Handelns stellen. Das gilt natürlich auch für die ‚choke points‘ vor unserer Haustür: die Schifffahrtsstraßen in der Nord- und Ostsee, den Nord-Ostsee-Kanal und den Ärmelkanal.
Die Freiheit der Schifffahrt ist keine Selbstverständlichkeit – das hat der Bundeskanzler auf der Maritimen Konferenz in Emden im April besonders betont. Die internationale Ordnung wird volatiler. Neue Dynamiken bilden sich heraus, bisherige Gewissheiten und Regeln der internationalen Kooperation werden von einigen Akteuren bewusst infrage gestellt.
Das bringt neue Unsicherheiten mit sich. Ein Beispiel: Schattenflotten unterlaufen gezielt Sicherheits- und Umweltstandards sowie rechtlich gültige Sanktionsregime. Das zeigt: Der Schutz des völkerrechtlichen Prinzips der freien Seeschifffahrt ist eine Aufgabe, die sich täglich aufs Neue stellt, gerade für uns im Auswärtigen Amt. Ihrer nehmen wir uns mit Nachdruck an.

Freie Seewege zu gewährleisten, ist ein klares Anliegen der Bundesregierung.
Florian Hahn, Staatsminister im Auswärtigen Amt
Deutsche Reedereien sind weltweit aktiv und ihre Besatzungen auf allen Weltmeeren unterwegs. Wie unterstützt das Auswärtige Amt die Interessen der deutschen Schifffahrt im Ausland und steht ihr in Krisensituationen zur Seite?
Florian Hahn: Ein zentrales Ziel der Außen- und Sicherheitspolitik der Bundesregierung, aber auch unserer interessengeleiteten Außenwirtschaftspolitik ist es, die internationalen Seewege gegen Angriffe und unberechtigte Kontrollversuche zu schützen.
Rechtliche Grundlage unserer maritimen Außenpolitik ist dabei das internationale Seevölkerrecht. Im Kern steht dabei das UN-Seerechtsübereinkommen, das den maßgeblichen völkerrechtlichen Rechtsrahmen für die Nutzung und den Schutz der Meere bildet.
Das Auswärtige Amt setzt sich daher intensiv für die universelle Geltung, die wirksame Umsetzung sowie die Fortentwicklung des Seerechts ein. Unsere Stärkung der Internationalen Seeschifffahrtsorganisation (IMO) ist dabei ein konkreter Beitrag, um globale Regeln gemeinsam durchzusetzen. Mit Hamburg hat ja auch der Internationale Seegerichtshof, der über Streitigkeiten zum Seerecht entscheidet, seinen Sitz in Deutschland.
Inakzeptabel ist die iranische Blockade der Straße von Hormus. Iran hat die Weltwirtschaft in Geiselhaft genommen und stellt die freie, sichere und gebührenfreie Seeschifffahrt in der Region gezielt infrage, was Deutschland als Exportnation besonders trifft. Der jüngste Versuch der Iran-nahen Huthis, auch den Bab al-Mandab selektiv zu blockieren, könnte die Lage am Golf noch weiter verschärfen.
Seit Konfliktbeginn lässt die Bundesregierung keine Gelegenheit ungenutzt, zusammen mit unseren Partnern darauf zu drängen, die Freiheit der Schifffahrt in der Region wieder zu gewährleisten. Gemeinsam wenden wir uns gegen Irans Versuch, die Kontrolle über die Meerenge zu erlangen und Gebühren für ihre Nutzung zu erheben.
Auch mit unseren Partnern in der Golfregion sind wir uns einig, dass die iranischen Angriffe gegen zivile Schiffe aufs Schärfste zu verurteilen sind. Ein belastbarer Waffenstillstand ist die Bedingung dafür, dass sich der zivile Schiffsverkehr in der Straße von Hormus wieder normalisiert und die Handelsschifffahrt wieder Vertrauen fasst.
Ein wichtiger Beitrag dazu könnte eine deutsche Beteiligung an einer möglichen multinationalen Mission in der Straße von Hormus sein. Sobald die Voraussetzungen dafür erfüllt sind, werden wir uns damit intensiv auseinandersetzen. Dafür erforderlich sind insbesondere ein Ende der Kampfhandlungen, ein rechtlicher Rahmen und ein Mandat des Deutschen Bundestages.
Am Bab al-Mandab, im Roten Meer und am Golf von Aden beteiligt sich die deutsche Bundeswehr bereits seit 2024 an der EU-geführten maritimen Operation „Aspides“. Sie hat die Aufgabe, zum Schutz der Freiheit der Schifffahrt und der Sicherheit des Seeverkehrs dort beizutragen.
Für unsere Arbeit ist der vertrauensvolle Austausch mit dem Verband Deutscher Reeder sehr wichtig. In den letzten Monaten konnten wir so unser Lagebild über die vom Konflikt betroffenen Schiffe mit Deutschland-Bezug maßgeblich optimieren, unter anderem zur Zahl deutscher Staatsangehöriger. Dem VDR möchte ich für diese Unterstützung ausdrücklich danken!
Die maritime Wirtschaft ist von wachsender Bedeutung für unsere Krisenvorsorge und die Stabilität unserer Wirtschaft. Ich freue mich auf die weitere Zusammenarbeit!

Florian Hahn
- Geboren am 14. März 1974 in München
- 1995 Allgemeine Hochschulreife
- 1997 bis 2000 Mitarbeiter der Geschäftsführung, Gast Service AG
- 2000 bis 2002 Mitarbeiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Krauss-Maffei-Wegmann
- 2002 bis 2003 Studium zum Elektronikmarketing-Fachwirt an der Bayerischen Akademie für Werbung und Marketing (BAW)
- 2003 bis 2009 Stellv. Leiter Politik und Parteiarbeit, CSU, Landesgeschäftsführer, Junge Union Bayern
- Seit 2009 Mitglied des Deutschen Bundestages (Direktmandat, München Land)
- 2012 bis 2015 Dozent an der BAW
- 2014 bis 2018 Sprecher der CSU-Landesgruppe für Auswärtiges, Verteidigung, EU-Angelegenheiten, wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Menschenrechte und humanitäre Hilfe
- 2018 bis 2021 Europapolitischer Sprecher, 2021 bis 2025 Verteidigungspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion
- Seit Mai 2025 Staatsminister im Auswärtigen Amt




