Herr Professor Sloterdijk, in Ihren Werken finden sich viele Metaphern mit dem Meer als Motiv, und eines Ihrer Bücher trägt den Titel „Im selben Boot“. Wie stark inspiriert das Meer?
Peter Sloterdijk: Der Meeresbezug hat auf der Ebene der Sprache und der primären Denkbilder seit je eine große Rolle gespielt. Meereskulturen wie die von Athen, wo Menschen vom Hafen Piräus hinaus in die Welt schauen, haben schon früh Anregungen für Metaphern und Abstraktionen geliefert. Der Eingang des Begriffs „Tsunami“ in unseren Wortschatz zeigt, dass das Meer als Metaphernquelle nach wie vor virulent ist.
Die Mündung des Flusses ins Meer ergibt die erste Metapher der Unermesslichkeit. Fluss und Meer – das ist wie endlich und unendlich. Überdies: Der Gedanke, dass man über das Meer fahren und wieder nach Hause kommen kann, ist eigentlich eine Ungeheuerlichkeit. Fürs Erste ist ja eine Fahrt auf den offenen Ozean hinaus eine Fahrt ohne Wiederkehr. Das offene Meer erscheint als der Ort, an dem der Schiffbruch als das Risiko bewusst wird – ja, man hat die Conditio Humana insgesamt als „Schiffbruch mit Zuschauer“ deuten können. In der ästhetischen Theorie wurde das Meer Emblem des Erhabenen. Es ist unvergleichlich viel größer und mächtiger als man selbst, es symbolisiert etwas Enormes, worin man sich verlieren und worin man untergehen kann. Bei Immanuel Kant kommt der Gedanke hinzu, dass man den erhabenen Gedanken seiner eigenen Freiheit gegen das Überwältigende setzen soll.
So wie die Menschen, die schon früh das Risiko Seefahrt eingegangen sind.
Sloterdijk: … wobei das Wort „Risiko“ dem Italienischen und weiter dem Arabischen entlehnt sein soll, wo es die Klippe bedeutet, die in den Untiefen den Schiffsverkehr gefährdet. In der Mitte des 15. Jahrhunderts kam in Europa, namentlich in Portugal, ein neuer Experimentiergeist auf. Man begann, das Windsystem über dem Atlantik zu studieren, und kam zu dem kühnen Schluss, dass man, wenn man mit den Passatwinden weit genug hinausfährt, etwa bis zu den Kanarischen Inseln oder bis Madeira, dann vor dem Wind kreuzen muss, bis man in nördlicheren Zonen die Winde von Westen ausnutzen kann, die die Heimreise erlauben. Diesem Manöver haben die Portugiesen einen klingenden Namen gegeben: Volta do mar, „Meerwende“ oder „Rückkehr vom Meer“. Zwar war die damalige Kartografie noch unbedeutend und voller Fehler, aber immerhin erlaubte sie die Kolumbus-Illusion, dass Asien auf dem Weg nach Westen relativ schnell erreichbar sein müsste. Der folgenreichste Irrtum aller Zeiten.
Nur außergewöhnliche Persönlichkeiten dürften für das Wagnis geeignet gewesen sein.
Sloterdijk: Die meisten Seefahrer sind interessante Charaktere. Wer sich dem Meer aussetzt, kann das nicht ohne ein starkes Selbstbewusstsein. Oft waren es Menschen mit ungewöhnlicher Nervenstärke und Charakterfestigkeit. Das Meer, das Schiff, die Einsamkeit – das führt in Situationen, wo man entweder erwachsen wird oder zugrunde geht. So ganz größenwahnsinnig kann man als Seefahrer nicht werden, weil man weiß, der Ozean ist immer stärker. Die Fähigkeit, ein Schiff, eine Mannschaft, eine Fracht zu führen, setzt Qualitäten voraus, die heute kaum ein CEO in einem Unternehmen an Land noch an den Tag legen könnte. Als auf Magellans Reise in der Gegend der Philippinen ein Sturm aufgekommen war, soll Magellan seinen Matrosen zugerufen haben: „Vorwärts Männer, das Meer zittert vor euch!“


Der Meeresbezug hat auf der Ebene der Sprache und der primären Denkbilder seit je eine große Rolle gespielt.
Einen größenwahnsinnigen Seefahrer gibt es aber doch – zumindest in der Literatur: Kapitän Ahab in Hermann Melvilles Roman „Moby Dick“, auf den Sie sich in Ihren Werken öfter beziehen.
Sloterdijk: Bei Kapitän Ahab, Held des größten Seefahrerbuchs seit der „Odyssee“, ist Größenwahn mit Rachewahn vermischt. Das ist ein Wahnsinniger zur See, ein Meerespsychopath. Aber er ist die große Ausnahme. Die Geschichte von der Fahrt seines Schíffs beginnt gleich mit einem Höhepunkt: Bevor das Schiff in See sticht, muss sich die gesamte Besatzung in einer Seefahrerkapelle eine markerschütternde Zerknirschungs-Predigt anhören, in der der Priester alle Anwesenden vollständig zusammenstaucht, indem er so redet, als wäre das Meer ein Funktionär Gottes, und nur Gott ist noch mächtiger als dieses Ungeheuer.
Daher muss sich der kleine Mensch bei der höchsten Agentur versichern. Bevor man an Bord geht, soll jeder Einzelne bei Gott eine mentale Versicherungspolice abschließen, wenn er heil zurückkommen will. Ein frecher Pirat oder ein Atheist wird da draußen einfach zermalmt. Nicht zufällig ist das neuzeitliche Versicherungswesen zu einem Teil aus Überlegungen englischer Kaufleute hervorgegangen, wie man das Seefahrtsrisiko abfangen kann.
Sie meinen Lloyd‘s of London, das von See- und Kaufleuten besuchte Londoner Kaffeehaus?
Sloterdijk: Ja, die Leute damals wetteten ja auf alles. Es sind auch Wetten auf Schiffsuntergänge abgeschlossen worden. Man kann geradezu von der Geburt der Versicherung aus dem Geist der Wette sprechen – aber man muss auch rechnen können. Insofern hat das Meer dazu geführt, dass eine neue Art von Mathematik entstand – die Wahrscheinlichkeitsrechnung. Wenn eintausend Schiffe auf See unterwegs sind, dann ist mit einer bestimmten Havariequote zu rechnen – sie wird empirisch ermittelt. Aus diesen Zahlen lässt sich die Versicherungsprämie berechnen, die von allen gezahlt werden muss, damit alle eine Solidargemeinschaft bilden, um die Eigner verloren gegangener Schiffe zu entschädigen.
Also ist das Meer auch in dieser Hinsicht ein Erzieher, weil es zum Erwachsenwerden der Logik beiträgt. Die Wahrscheinlichkeitsrechnung und die Versicherungsmathematik insgesamt sind neben anderen Quellen auch Nebenprodukte der Seefahrt.
Im Kontext Ihrer Sphärologie, die ja eine Philosophie der Menschheitsgeschichte ist: Was ist das Besondere oder auch Faszinierende am Raumgebilde Schiff?
Sloterdijk: Das Schiff ist eine sphärologisch relevante Konstruktion, weil es so etwas wie ein schwimmendes Haus, ein Warenlager, ein Hotel oder auch eine schwimmende Festung ist. Es gibt also ein ganzes Universum an Bedeutungen, das sich an den Schiffskörper anlagert. Obendrein wurde schon bei den Römern der Staat metaphorisch mit dem Schiff gleichgesetzt. Auch der Staat kann Schiffbruch erleiden, auch der Kubernetes auf dem Trockenen, der Steuermann im Staatsschiff an Land, muss sein Handwerk verstehen.
Worin genau das besteht, wusste man nicht so wirklich und wurde lange als eine Flüsterpropagandageschichte auf oralem Weg kolportiert, bis Machiavelli kam und so ungeschickt war, das alles hinzuschreiben, als ob es Wissen für jedermann wäre. Nach Machiavellis Einsicht muss in einer Welt, die nicht gut ist, auch der Kapitän beziehungsweise der Fürst lernen, nicht gut zu sein – „non essere buono“ –, also pragmatisch oder „realpolitisch“ zu handeln. Einen wichtigen Unterschied aber gibt es doch: Der Kapitän ist dazu verurteilt, ein Held zu sein, denn bei Schiffbruch darf er das Schiff nur als Letzter verlassen. Es gibt nichts Schändlicheres, als wenn der Kapitän vor den Mannschaften, geschweige vor Frauen und Kindern von Bord ginge. Insofern ist das Schiff schon so etwas wie ein Heiligtum, es hat eine gewisse sakramentale Größe.

Das Meer, das Schiff, die Einsamkeit – das führt in Situationen, wo man entweder erwachsen wird oder zugrunde geht.
Professor Peter Sloterdijk
Der Schriftsteller Thomas Mann attestiert dem Meer „musikalische Transzendenz“. Was meinen Sie: Welche Bedeutung hat speziell das Meeresrauschen für unsere Wahrnehmung des Meeres?
Sloterdijk: Das Meeresrauschen hat archetypische Bedeutung, weil es durch seine hochgradig rhythmische Qualität eine pränatale Erinnerung anspricht. Wie man weiß, öffnet sich das Gehör auch schon im fötalen Zustand auf die Geräuschwelt hin, und zwar mit Monaten Vorsprung vor dem Auge. Deshalb sind wir von der Musik tiefer berührbar als über die visuellen Dimensionen. Darum konnte Thomas Mann Musik dämonisches Gebiet nennen.
… und Melville spricht vom „wölfischen Gegurgel der Wellen“…
Sloterdijk: Ja, das Meer ist nicht harmlos. Niemand hat das Meer so eindrucksvoll beschrieben wie Jules Michelet in seinem gleichnamigen Werk, einem der schönsten Bücher des 19. Jahrhunderts. Mit einer unglaublich reichen Poesie schreibt er über die Entstehungsgeschichte des Meeres, die Eroberung des Meeres und die Wiedergeburt durch das Meer oder über einen Sturm, der vor der französischen Atlantikküste beim Leuchtturm von Cordouan an der Mündung der Gironde eine ganze Woche lang in wahnhafter Monotonie tobt. Wenn es in Frankreich einen Romantiker gab, dann war er es, noch vor Victor Hugo.
Zum Meer gehört das Metaphysische genauso wie das Merkantile. Rund 90 Prozent des Welthandels erfolgen auf dem Seeweg. Den meisten Menschen ist das nicht bewusst. Wie kann das sein?
Sloterdijk: Die Zahl 90 Prozent hat wohl kaum jemand im Kopf, und zwar aus einem einfachen Grund: Die große Theoriemode der letzten 30, 40 Jahre waren der Strukturalismus und die Semiotik, die Zeichentheorie in Verbindung mit der philosophischen oder kulturtheoretischen Interpretation des Internets. Da geht es ausschließlich um schnelle Kommunikation. Paul Virilio war der große Ideologe der Beschleunigung, wonach Geschwindigkeit und Beschleunigung treibende Kräfte der menschlichen Geschichte und gesellschaftlicher Entwicklung sind.
Sein Theorem lautete mehr oder weniger: Wir erleben die Vernichtung des Raums durch die Schnelligkeit. Dagegen hätten wirkliche Seefahrer von Anfang an Einspruch erhoben. Trotz technischer Entwicklung und der Suche nach kürzeren Seewegen speziell in der Handelsschifffahrt bleibt die Seefahrt eine langsame Angelegenheit, die Möglichkeiten zur Beschleunigung sind begrenzt.
Auch in der Handelsschifffahrt werden Fachkräfte gesucht. Der Frauenanteil liegt hier aktuell bei rund sieben Prozent, wenn auch mit zunehmender Tendenz. Zeichnet sich hier eine Trendwende ab?
Sloterdijk: Nach heutigem Stand der Dinge wäre zu sagen: Eher bekommt noch das Christentum in Golgatha nachträglich eine Doppelspitze, als dass die Seefahrt zur Frauendomäne wird. Doch in den letzten Jahrzehnten haben Frauen viele Männerdomänen mehr oder weniger vollständig übernommen, von der Pädagogik über die Medizin bis hin zu den Kommunikationsberufen. Ein gewisses Wachstum ihres Anteils an Seefahrtberufen ist durchaus denkbar, zumal sich die Qualität der Berufe an Bord schnell ändert, nicht nur bei den Dienstleistungen.
Sie stehen an einem imaginären Hafen, in dem die Schiffe von drei Seefahrern vor Anker liegen. Wenn Sie mitreisen könnten – welches Seefahrtabenteuer würde Sie am meisten reizen: Columbus’ Amerikafahrt, die nicht als solche konzipiert war, Cooks Südsee-Expeditionen oder Magellans Erdumsegelung?
Sloterdijk: Ich würde, schon aus Gründen der geopolitischen Korrektheit, mit Magellan fahren, es war die bei Weitem größte nautische Leistung. Auch wenn von den 280 Männern seiner fünf Schiffe nur 18 wieder die Heimat erreichten. Dummerweise hatte sich Magellan an einem Scharmützel mit Einheimischen auf den später so genannten Philippinen beteiligt und kam dabei ums Leben. Juan Sebastián de Elcano, ein baskischer Offizier, der unter Magellan als Schiffsmeister auf der „Concepción“ fungierte, hat dann das Kommando übernommen, er hat auch das Schiffstagebuch zurückgebracht – es wurde zum Staatsgeheimnis. Er bekam vom spanischen König ein Wappen mit der Aufschrift „Primus circumdedisti me“, was so viel bedeutet wie „Du hast mich als Erster umrundet“. Man muss den Vorgang begreifen: Die Erde erwacht und spricht zu dem Mann, der sie erstmals „umarmt“ hat! Unter philosophischen Aspekten gibt es von einer solchen Auszeichnung keine Steigerung. Wenn man als Erster den Giro del Mondo gemacht hat, bedeutet das noch viel mehr als der Sieg bei einer Tour de France.
„Einen der wichtigsten Denker unserer Zeit“
hat der Schriftsteller Daniel Kehlmann Peter Sloterdijk genannt. Sloterdijk, Jahrgang 1947, ist Philosoph, Kulturwissenschaftler und Publizist. Sein erster großer Erfolg war 1983 die „Kritik der zynischen Vernunft“. Er lehrte bis 2017 an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe Philosophie und Ästhetik. Sein thematisch weit ausgreifendes publizistisches Schaffen ist mit zahlreichen Preisen geehrt worden.
Interview: Paul Pantel




