Mitarbeiter der Seemannsmission verteilen zusammen mit dem Weihnachtsmann Geschenke an Seeleute an Bord eines Containerschiffs.

Lebensfreude pur! Shirley Desplace, Jenny Ward, Marlene Saunders und Barbara Bega aus Durban sind vier Mitglieder einer neunköpfigen Damengruppe, die zusammen jede Woche mit großer Begeisterung häkeln, stricken, schneidern: Mützen (Beanies) und Steppdecken für Seeleute und Straßenkinder zum Beispiel. Seemannspastor Ron Küsel hat in diesem Jahr allein von dieser Gruppe 500 Beanies geschenkt bekommen. „Meine stärkste Unterstützerin ist 98 und fast vollständig blind“, berichtet der gebürtige Südafrikaner mit deutschen Wurzeln. „Eine andere Frau aus der Gruppe ist geistig und körperlich behindert. Es macht sie glücklich, dass ihre Fähigkeiten im Leben anderer einen Unterschied machen.“

Küsel leitet die Deutsche Seemannsmission in Durban seit 2017. „Ich habe eine Leidenschaft für Menschen, vor allem für Menschen in Not. Das Besondere meiner Arbeit ist der Kontakt zu so vielen, die von der Welt nicht gesehen werden“, sagt der 62-Jährige.

Der Seemannspastor sieht seine Aufgabe auch darin, als kritische Stimme gegenüber der Hafenbehörde aufzutreten, die in Durban eine korruptionsträchtige Geschichte hat. Als Mitglied des 2019 gegründeten Hafenwohlfahrtsausschusses setzt er sich für das Wohl der Seeleute ein und hilft dabei, ähnliche Einrichtungen in allen Häfen Südafrikas zu gründen. Außerdem kümmert sich Küsel um die geistlichen, physischen und psychischen Bedürfnisse von Seeleuten im Hafen, unabhängig von deren Religion, Kultur oder ethnischer Zugehörigkeit. Deutsche Seeleute wurden bereits 1911 im Hafen von Durban betreut. Die beiden Weltkriege unterbrachen die Arbeit bzw. machten Pläne für die Zukunft zunichte. Seit 1962 ist die Deutsche Seemannsmission offiziell in Durban vertreten.

Gruppe älterer Frauen zeigt stolz selbstgestrickte, bunte Mützen, die für Seeleute bestimmt sind.
Wärmespender. Missionsleiter Ron Küsel, begraben unter einem Beanies-Berg, vor seinen tatkräftigen Häkel- und Strick-Damen.

Entspannte Atmosphäre
Der Hafen von Durban im Osten des Landes liegt am Indischen Ozean und erstreckt sich über 21 Kilometer. Beim Containerumschlag ist er mit rund drei Millionen TEU Südafrikas Nummer 1. Insgesamt wurden hier zuletzt mehr als 80 Millionen Tonnen Fracht pro Jahr abgefertigt, darunter Fahrzeuge, Holzprodukte, Kohle, Flüssigmassengüter, Zitrusfrüchte und mehr. Der Hafen ist auch ein bedeutender Transithafen für Im- und Exporte der Nachbarländer. 

Der ökumenische Seemannsclub bietet Seeleuten eine entspannte Atmosphäre, in der sie mit ihren Familien sprechen und bei Bedarf Unterstützung aller Art erhalten können. Zu den zahlreichen Angeboten gehören kostenloses WLAN, ein kleiner Laden, eine Bar, ein Pool, Tischtennis, Kicker, Karaoke und eine Bibliothek. 

Auf dem großen Gelände können Seeleute auch Basket-, Fußball- und Volleyball spielen oder im Grünen entspannen. „Bei besonderen Gelegenheiten schenken wir den Seeleuten Gebäck, das wir Südafrikaner mit deutschen Wurzeln traditionell backen, oder laden sie zum Worsbraai, dem Grillen südafrikanischer Bratwürste, ein. So bekommen die Seeleute einen Eindruck der südafrikanischen Kultur und Küche, und die Gemeinde blickt über den Tellerrand hinaus“, sagt Küsel. 

Ein Online-Shop ergänzt das Angebot. Die Einkäufe werden zum Schiff gebracht. Wer es nicht selbst in den Club schafft, wird vom Schiff abgeholt, auch die Fahrt ins Stadtzentrum ist kostenlos. Die Deutsche Seemannsmission ist eine von vier Organisationen, die den Club betreiben. Im Club und bei den Bordbesuchen unterstützen vier Studenten der Durban University das Team. Sie werden später in der maritimen Industrie arbeiten und lernen so die Welt der Seeleute kennen.

Hochsaison zum Jahresende
Ende November packen Haupt- und Ehrenamtliche mit an und stellen die Weihnachtsgeschenke für die Crews an Bord zusammen. 2.000 Stück peilen sie in diesem Jahr an. „Die Beanies sind wichtig für unsere Päckchen. Das ist typisch südafrikanisch, Beanies und Handschuhe. Viele Seeleute, die im Hafen von Durban ankommen, haben zu wenig oder gar keine warme Kleidung dabei und freuen sich darüber“, so Küsel. 

Am 12. Dezember bekommen alle Seeleute im Hafen Geschenke, am 23. geht es dann mit einem Lotsenboot zu den Schiffen, die auf Reede liegen. Damit auch die Seeleute, die zu Weihnachten nicht an Land kommen, Geschenke erhalten. „Gehäkeltes und Gestricktes verstehen wir als eine Botschaft an die Seeleute: ‚Jemand hat sich für dich Zeit genommen, weil du wichtig bist.‘“ |•••

Feuerwehrfahrzeug vor dem Eingang der Seemannsmission in Durban; davor Mitarbeitende in Warnwesten und ein als Weihnachtsmann verkleideter Helfer.

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