Welche Bedeutung hat die Handelsschifffahrt für Deutschland – wirtschaftlich, strategisch und außenpolitisch?
Armin Laschet: Deutschlands Wohlstand wäre undenkbar ohne den Export. Dabei ist in der Öffentlichkeit weniger bekannt, dass zwei Drittel der deutschen Im- und Exporte über den Seeweg transportiert werden. Über 200 Reedereien betreiben rund 1.800 Handelsschiffe. Etwa eine halbe Million Arbeitsplätze hängen am Handel über See.
Das unterstreicht sehr beeindruckend die wirtschaftliche Bedeutung der Handelsschifffahrt für den Standort Deutschland. Der Erfolg der Branche und damit unserer gesamten Wirtschaft hängt von sicheren Seewegen ab, aber auch vom Freihandel.
Außenpolitisch muss es deshalb unser Ziel sein, den zunehmenden protektionistischen Tendenzen in der Weltwirtschaft entgegenzuwirken und neue Freihandelsabkommen zu etablieren, beispielsweise mit den MERCOSUR-Staaten.
Angesichts zunehmender geostrategischer Spannungen: Welche Priorität hat maritime Sicherheit für die deutsche Außen- und Sicherheitspolitik?
Laschet: Im Jahr 2010 forderte der damalige Bundespräsident Horst Köhler, die Bundeswehr müsse im Notfall auch für freie Handelswege sorgen. Köhler trat zurück, weil seine Forderung einen Sturm der Entrüstung auslöste. Heute ist es ganz selbstverständlich, dass wir sichere Handelswege brauchen. 2008 wurde die EU-Operation „Atalanta“ ins Leben gerufen, 2024 folgte die Operation ASPIDES, an der sich die deutsche Marine zum Schutz der zivilen Seefahrt beteiligt.
Die Operationen umfassen unter anderem das Rote Meer und den Golf von Aden, um Handelsschiffe vor Piraterieangriffen oder vor Angriffen der jemenitischen Huthi-Rebellen zu schützen. 2021 verunglückte das Containerschiff „Ever Given“ im Suezkanal und blockierte für mehrere Tage die Durchfahrt. Eine solche Blockade kann schnell zu Versorgungsengpässen in Europa führen. Das belegt die Bedeutung maritimer Sicherheit für uns.
Wie wichtig ist aus Ihrer Sicht die systematische Einbeziehung der Handelsschifffahrt in nationale und internationale Sicherheitsstrukturen – insbesondere im Krisen- und Verteidigungsfall?
Laschet: Es sind dabei im Wesentlichen zwei Aspekte zu berücksichtigen:
Zum einen kennen wir die gegenwärtigen Risikogebiete für die Handelsschifffahrt, beispielsweise die Straße von Taiwan, das Südchinesische Meer, das Rote Meer oder das Schwarze Meer. Die Einbeziehung in Sicherheitsstrukturen bedeutet, die Seefahrt entweder zu schützen oder alternative Handelswege zu etablieren.
Zum anderen gehört dazu, im Konfliktfall über diese Handelswege auch militärische Güter und Ausrüstung zu transportieren. Deshalb ist die systematische Einbeziehung der Handelsschifffahrt in Sicherheitsstrukturen dringend erforderlich.

Armin Laschet
- seit 2021 Mitglied des Bundestages, seit 2025 Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses
- 1981 bis 1987 Studium der Rechts- und Staatswissenschaften in Bonn und München, Journalist
- 1994 bis 1998 Mitglied des Deutschen Bundestags
- 1999 bis 2005 Mitglied des Europäischen Parlaments
- 2005 bis 2017 Minister und Abgeordneter in Nordrhein-Westfalen
- 2017 bis 2021 Ministerpräsident von NRW
- 2021/22 Bundesvorsitzender der CDU, Kanzlerkandidat




