
Wenn’s mit den anderen nicht so recht klappt, machen wir’s eben selbst. Dieses Prinzip verfolgen die Unternehmen der Schwarz Gruppe, zu denen Lidl gehört, auf verschiedenen Feldern: eigene Bäckerei, eigene Eisproduktion, eigene Getränkeherstellung – und seit 2022 bei Lidl eben auch: eigene Reederei. „Im Zuge der Corona-Krise kam es immer wieder zu Verzögerungen beim Transport von Aktionsware“, erinnert sich Christian Stangl, Global Head of Transportation bei Lidl und Geschäftsführer von Tailwind.
Das hat gravierende Auswirkungen, denn die Non-Food-Produkte aus Asien müssen pünktlich zum beworbenen Termin in der Filiale sein. „Wir können ja Osterdekoration nicht zu Pfingsten anbieten“, sagt der 50-jährige Manager. Der international tätigen Discounter mit Sitz im baden-württembergischen Neckarsulm betreibt rund 12.600 Filialen in 31 Ländern. Wenn da volle Container in Fernost stehen bleiben, gehen die Warnlampen an. „Bei unseren Volumina sind schon fünf oder zehn Prozent ein großes Problem.“
Schwerpunkt Schwergut
Da smarte Transportplanung ohnehin zum Alltagsgeschäft der Handelsprofis gehört, lag der Gedanke nah, auch die Fernverbindung von Hafen (in Asien) zu Hafen (in Europa) selbst in die Hand zu nehmen. Die Idee für einen eigenen Reedereibetrieb war geboren. Im Juli 2022 startet das erste gecharterte Schiff, die „Wiking“, auf der Route von Taicang ins niederländische Rotterdam. Zeit ist Geld: Weil Mega-Hubs wie Shanghai oder Rotterdam oft mit Riesenfrachtern überlaufen sind, setzt das Unternehmen bewusst auf kleinere Einheiten, die alternative Häfen ansteuern und schneller be- und entladen werden können. Aktuell fahren elf Schiffe in der Größenordnung zwischen 1.200 und 6.800 TEU für die Hamburger. Inzwischen fühlen wir uns als richtige Containerlinienreeder“, sagt Stangl. „Wir bieten das gleiche Produkt zu einem wettbewerbsfähigen Preis an – und mit höherer Verlässlichkeit.“
Logistik und Erfahrung
Davor lag eine Menge Arbeit, denn das Schifffahrtsbusiness ist durchaus komplex. Stangl und sein Team sind tief in die Materie eingetaucht: „Wir haben insgesamt 226 Prozessschritte definiert“ – von „Erstellen und Bestätigen von Frachtbriefentwürfen auf Grundlage der Versandanweisungen“ bis „Der Schiffsführer erstellt einen Abfahrtsbericht“.
Ganz unbeleckt von der Materie war der Reederei-Geschäftsführer nicht. Der Diplomkaufmann, der in der Nähe von Heidelberg wohnt, kümmert sich schon lange um die Lidl-Logistik und hat rund 15 Jahre lang Seefracht-Verhandlungen geführt.
Außerdem hat sich Lidl ein Team von Reederei-Profis an die Seite geholt. Als der erste Containerfrachter auf Reisen ging, heuerte auch Gerrit Krause bei dem Start-up an. „Ich kann nichts anderes als Schifffahrt“, sagt der mittlerweile 46-Jährige. Er bringt eine Menge seemännische Erfahrung mit: Geboren in Bremen, hat er nach einer Schiffsmechaniker-Ausbildung in Cuxhaven Nautik studiert und das Kapitänspatent erworben. Anschließend ist er viele Jahre zur See gefahren – unter anderem für die Reedereien Leonhardt & Blumberg und NSB. Als Bereichsleiter führt er bei Tailwind ein zehnköpfiges Operations-Team, dem weitere Nautiker und ein Techniker angehören.
Aus gewohnten Denkschablonen ausbrechen: Das war für die Schifffahrtsroutiniers in der Tailwind-Mannschaft durchaus eine Herausforderung: „Wir haben lernen müssen, dass man Abläufe, die wir aus anderen Reedereien gewohnt sind, auch infrage stellen kann.“ Wenn die transportierte Ware im Fokus steht, ändert sich eben die Perspektive. Umgekehrt nimmt auch Stangl aus den Diskussionen mit seinen Leuten viel mit: „Der Seeweg ist der wichtigste Teil unserer Transportkette – da gibt es viele Details, die man im Blick haben muss und bei denen man nachsteuern kann.“
Ungefähr zwei Drittel der Ladung auf den Schiffen kommt von Lidl, ein Drittel von Fremdkunden. Bei denen hat sich Tailwind einen glänzenden Ruf erarbeitet. „Unsere Kunden merken, dass bei uns die Pünktlichkeit der Ladung Priorität hat – und nicht die Pünktlichkeit des Schiffes“, sagt Krause. Gerade bei Saisonware wie Textilien oder hochwertigen Gütern wie Elektronik ist Zuverlässigkeit ein hohes Gut.
Bei Lidl ist Tailwind längst Benchmark – etwa die Hälfte der Aktionswaren aus Asien transportiert die eigene Reederei, der Rest kommt über andere Schifffahrtsunternehmen. „Wir verstehen jetzt besser, wenn es da Probleme gibt – legen aber auch höhere Maßstäbe an, wenn es um Lösungen geht“, sagt Stangl. Will heißen: Wenn eine Verzögerung auf dichten Nebel im Hafen zurückzuführen ist, ist das akzeptabel. Nicht aber, wenn die eigene Effizienzsteigerung auf Kosten des Kunden im Vordergrund steht.


Der Seeweg ist der wichtigste Teil unserer Transportkette.“
Christian Stangl, Geschäftsführer von Tailwind
Hauptaufgabe der Lidl-Logistiker ist es, die drei Themen Schiff, Zug, Lkw zusammenzubringen. Tailwind Shipping Lines bringt die Ware von Asien nach Europa, Tailwind Intermodal sorgt für den Weitertransport ins Hinterland – zum Beispiel mit bis zu 16 Zügen, die wöchentlich vom Mittelmeerhafen Koper nach Graz verkehren. Oder mit einem der 2.200 Lkws der österreichischen Spedition Gartner, an der Lidl beteiligt ist.
In der Branche hat man das Engagement des Lebensmitteleinzelhändlers in der Schifffahrt zunächst für ein Intermezzo gehalten, bis sich die Lieferketten wieder normalisieren. Doch bald zeigte sich, wie wichtig es ist, die Souveränität der eigenen Lieferketten auf Dauer zu stärken: „Von den vier Jahren waren wir drei Jahre froh, dass wir eigene Schiffe haben“, sagt Stangl. So konnte man sich immer wieder auf geopolitische Krisensituationen und wirtschaftliche Entwicklungen vorbereiten und flexibel reagieren. Und erhielt gleichzeitig größere Kontrolle über die Wege, die die Aktionswaren nehmen, bis sie in den Filialen ankommen.
Falls es noch eines Beweises bedurft hätte, dass der Discounter sich langfristig engagiert: Im vergangenen Jahr hat Tailwind in China fünf 8.400-TEU-Schiffe bestellt, die ab Mitte 2027 ausgeliefert werden. „Über die richtige Größe haben wir intensiv nachgedacht“, sagt Stangl. Einerseits sollen die Schiffe das weitere Wachstum von Lidl abbilden, andererseits flexibler als die Megafrachter der Großreedereien einsetzbar sein. Die Neubauten verfügen über Dual-Fuel-Maschinen und laufen außer mit konventionellem Treibstoff auch mit LNG. „Für uns war die Treibstoffverfügbarkeit ein wichtiges Kriterium“, sagt Gerrit Krause. Aber auch der Einstieg in eine nachhaltige Transformation: Perspektivisch lassen sich auch regeneratives oder synthetisches LNG nutzen.


Bei uns hat die Pünktlichkeit der
Ladung Priorität, nicht die des Schiffes.“
Gerrit Krause, Bereichsleiter Operations bei Tailwind
Als gestandenem Seemann liegt Krause das Wohl der Crews besonders am Herzen. Bei den geplanten Neubauten wurde deshalb sehr viel Mühe darauf verwendet, eine wohnliche Atmosphäre mit ansprechenden Farben und Materialien zu schaffen – „nicht nur für die Offiziere, sondern auch für die Ratings“, betont der Nautiker. Über kostenloses Internet können die Besatzungsmitglieder Kontakt zu ihrer Familie halten und Unterhaltungsangebote nutzen, der Aufenthaltsraum bietet unabhängig von der Hierarchie Platz für alle, um das Zusammengehörigkeitsgefühl an Bord zu stärken. In der Messe gibt es einen gemeinsamen Tisch, keinen Captain‘s Table. „Wir wissen aus eigener Erfahrung, wie hart der Job ist und wie sehr kleine Annehmlichkeiten den Unterschied machen können.“
Willkommener Nebeneffekt: Wenn die Seeleute sich wohlfühlen, halten sie dem Unternehmen die Treue. „Wir kennen die Besatzungen, die auf unseren Schiffen fahren“, sagt Krause. Die Kontinuität wirkt sich positiv auf den Zustand des Schiffes und die Qualität der Dienstleistung aus.
In der maritimen Community der Hansestadt ist Tailwind angekommen – sogar in Hamburgs Top-Sehenswürdigkeit Miniaturwunderland ist die Marke schon vertreten. Die Büros der Reederei liegen in der imposanten „Neuen Burg“, vis-à-vis der ehemaligen Hamburg Süd-Zentrale. „Da wollen wir hin“, scherzt Christian Stangl. In gewisser Hinsicht ist man da sogar schon: Mit einer Flotte von elf Schiffen gilt Tailwind als Deutschlands zweitgrößte Containerlinienreederei – wie einst Hamburg Süd, allerdings mit weiterem Abstand zur Nummer 1 Hapag-Lloyd mit ihren gut 300 Schiffen.
Flexibilität und Schnelligkeit
Dass die noch junge Reederei sich im Verband Deutscher Reeder engagiert, war für das Team selbstverständlich: „Die Mitgliedschaft bringt echten Mehrwert. Wir bekommen relevante Hintergrundinformationen und können unsere Themen einbringen“, sagt Krause. Der enge Draht des VDR zu den Sicherheitsorganen sei sehr wertvoll, ergänzt Stangl. „Dadurch können wir uns frühzeitig auf veränderte Bedingungen in den Konfliktregionen einstellen.“ Rasch reagieren, Probleme umschiffen, stets das Beste für die Kunden rausholen: Das macht Tailwind schließlich aus.
Mit ihrer gegenwärtigen Größe fühlt sich die Reederei wohl: „Wir wollen nicht in die Breite wachsen, sondern in die Tiefe“, sagt Stangl. Das nächste Etappenziel? „Eine Tailwind-Flagge an der Alster hissen.“ Verglichen mit den Hürden, die die Newcomer bis jetzt gemeistert haben, sollte das eine lösbare Aufgabe sein.

Tailwind Shipping Lines
• Gründungsjahr: 2022, 37 Mitarbeiter
• Flotte: aktuell elf Containerschiffe (1.200 bis 6.800 TEU), davon zwei eigene
• Liniendienste: Panda Express Service (PAX) zwischen China, Malaysia und
dem Mittelmeer
• Tiger Express Service (TEX) zwischen Bangladesch, Malaysia, Vietnam und Sri Lanka
• Dolphin Express (DEX) zwischen den Niederlanden, Belgien, Portugal,
Marokko und Spanien
• Neubauplanung: fünf Schiffe à 8.400 TEU, Ablieferung ab Mitte 2027
www.tailwind-ahead.com




