
Veritaskai 1 – an dieser Adresse residiert standesgemäß die Marine & Offshore-Sparte von Bureau Veritas Deutschland. Das Gebäude, ein denkmalgeschützter Kaispeicher, befindet sich im Herzen des Harburger Binnenhafens – ein Ort von großer maritimer Symbolik.
Seit vergangenem Jahr hat Ramona Zettelmaier hier als „Marine Chief Executive, Central Europe“ das Kommando. Ihre fachliche Autorität ist in der Branche fest etabliert. Dank ihrer Erfahrung – 13 Jahre BV, davor verschiedene Positionen bei Lloyd’s Register – und ihrer langjährig gewachsenen Beziehungen zu Reedereien ist die Schiffsingenieurin für die verantwortungsvolle Aufgabe prädestiniert. Dennoch entspricht sie vermutlich nicht dem typischen Bild einer Führungskraft in der maritimen Wirtschaft: Frau, gebürtige Fränkin, aufgewachsen im Ruhrgebiet, keinerlei familiärer Bezug zur Schifffahrtsbranche. Umso spannender ist ihr beruflicher Werdegang.
Frau am Start
Nach ihrem Abitur 1989 in Dortmund überlegt sie zunächst, Tiermedizin zu studieren. „Ein Bekannter meiner Eltern hat mich jedoch für die Schifffahrt begeistert“, erinnert sie sich. „Die Welt sehen, mit unterschiedlichen Kulturen zusammenarbeiten und viel erleben. Das fand ich toll.“ Die Herausforderung: Ende der 1980er-Jahre sind Frauen in der westdeutschen Handelsschifffahrt noch rar gesät – und vielfach auch nicht erwünscht. Doch sie erhält einen Tipp. Es gibt eine Reederei in Hamburg, die von einer Frau, Liselotte von Rantzau-Essberger, geführt wird. Da solle sie es mal versuchen. Zettelmaier, damals 18 Jahre alt, bewirbt sich. Mit Erfolg. Kurze Zeit später ist sie bei „Deutsche Afrika-Linien“ eine der ersten weiblichen Schiffsmechaniker-Lehrlinge.
„Am Anfang war ich noch etwas unbedarft“, sagt sie rückblickend. Ihr Bild von der Schifffahrt war geprägt vom strahlenden Glanz der beliebten TV-Serie „Das Traumschiff“ mit seinen weiß gekleideten Offizieren. Das ändert sich schlagartig, als sie für ihre erste Fahrtzeit an Bord geht. „Da stand ich dann mit meinem Seesack vor diesem großen grauen Containerschiff“, sagt sie und lacht. Von wegen „traumhaft“: „Die ersten sechs Wochen war ich für Konservierungsarbeiten an Deck eingeteilt. Da war schnell klar, dass die Realität anders aussieht als die romantische Vorstellung.“ Sie nimmt die Aufgabe an und sucht aktiv neue Verantwortung.
Zettelmaier ist selbstbewusst und hat einen hohen fachlichen Anspruch. So kann sie schon bald im Maschinenraum ihr technisches Geschick unter Beweis stellen. Als einzige Frau muss sie sich ihre Position an Bord erarbeiten und lernt früh, sich durchzusetzen. Schlagfertigkeit und ein dickes Fell sind da nützlich. „Es ist sehr wichtig, Grenzen zu setzen“, so Zettelmaier. Trotz mancher Hürde beginnt sie schnell, die Freiheit der Seefahrt und die einzigartige Gemeinschaft an Bord zu schätzen. „Man lernt und lebt Toleranz und Verantwortung. Das legt einen besonderen Grundstein für die persönliche Entwicklung“, sagt sie heute.
Auch die unkonventionellen Arbeitszeiten machen ihr nichts aus – monatelang auf See und dann wieder lange Zeit frei. „Als die Mauer fiel, waren wir mitten auf dem Atlantik. Die Nachricht kam als Zweizeiler per Telex. Ein historisches Ereignis so zu erleben, vergisst man nie“, erinnert sie sich.

Vorreiterin und Vorbild
Zettelmaier entscheidet sich gezielt für eine berufliche Laufbahn in der maritimen Wirtschaft und lässt den Gedanken an die Gründung einer Familie erst einmal beiseite. Nach der Ausbildung beginnt sie in Flensburg ein Ingenieurstudium zur Schiffsbetriebstechnikerin und erwirbt das technische große CI-Patent.
Direkt danach heuert sie bei Leonhardt & Blumberg an. Eine bewusste Wahl: „Frank Leonhardt war einer der ersten deutschen Reeder, der auch weibliche Führungskräfte an Bord einsetzte – dafür gebührt ihm großer Dank.“ Zettelmaier fährt in verschiedenen leitenden Positionen als technische Offizierin zur See. Als eine der wenigen weiblichen Vorgesetzen in ihrem Metier leistet sie erneut Pionierarbeit. Ihr Stil wird geschätzt. „Viele Seeleute und Kollegen haben mir erzählt, dass der Umgang untereinander respektvoller ist, wenn ich beziehungsweise eine Frau mitfährt“, sagt sie.
Ihre Erfahrungen gibt sie auch an ihre jungen Kolleginnen weiter, nimmt weibliche Auszubildende und Berufsanfängerinnen unter ihre Fittiche. Zettelmaiers Credo: „Bleib dir immer selber treu, lebe deinen Beruf mit Herzblut und eifere niemandem nach.“ Frauen müssten auch nicht, wie häufig kolportiert, „130 Prozent geben“, um mitzuhalten. „Das erzeugt nur unnötigen Druck.“
Wie man seinen beruflichen Weg erfolgreich gehen kann, möchte sie auch anhand ihrer eigenen Vita vorleben. „Ich sehe mich ein bisschen als Vorbild und Ansporn für junge Frauen“, so Zettelmaier. 1998 ist sie Mitbegründerin des Verbandes „Frauen zur See“, außerdem engagiert sie sich im maritimen Frauennetzwerk WISTA. „Hier haben Frauen die Möglichkeit, sich mit anderen auszutauschen oder Hilfe von persönlichen Mentoren zu bekommen.“


Bureau statt Bordleben
2000 wechselt Zettelmaier die Seiten und geht zunächst zu Lloyd’s Register. Im Bereich Plan Approval/Machinery überprüft sie Systeme und Komponenten für den maritimen Einsatz – auch hier macht sich ihre langjährige praktische Erfahrung bezahlt. Nach zwei Jahren bei BP als Technical Advisor für Schmierstoffe kehrt sie zu Lloyd’s Register zurück und betreut dort ab 2007 federführend das Thema Umweltschutz und speziell Ballastwassermanagement. In dieser Zeit arbeitet die Ingenieurin unter anderem mit den Fachleuten vom VDR zusammen.
Gelegentlich ist sie auch als Surveyorin an Bord im Einsatz. „Eigentlich mehr aus der Not heraus.“ Es fehlten damals Besichtiger für die Abnahme von Schiffssystemen. „Ein Kollege hat mich angesprochen: ‚Ramona, du bist doch zur See gefahren und kennst dich mit Schiffen aus. Kannst du da mal eben hin?‘“

2013 folgt dann der Wechsel zum Mitbewerber Bureau Veritas. Viele Jahre trägt sie dort Verantwortung als Head of Sales, bevor sie im Sommer 2025 die Rolle als Geschäftsführerin übernimmt. Ihre Aufgaben: Technik, Umwelt und Sicherheit in Einklang bringen, strategische Führung und organisatorische Vorgaben umsetzen – aber auch Marktanteile steigern. „Wir konkurrieren um 1.700 Schiffe“, so Zettelmaier. „Neukundenakquise ist ein langwieriger Prozess, bei dem es viel um den persönlichen Kontakt und Vertrauen geht.“ Weitsicht, diplomatisches Geschick und echtes Verständnis für die Sprache der Reeder seien da gefragt. Dass sie eine der wenigen Frauen in dieser Position ist, habe auch Vorteile. „Als Frau ist man eine exotische Erscheinung und bleibt eher in Erinnerung.“
Und wenn sie nicht für BV unterwegs ist? Zettelmaier hat längst in Norddeutschland Wurzeln geschlagen. Sie lebt mit ihrem Mann in Lüneburg. Wenn es die Zeit zulässt, reitet sie auf ihrem Pferd durch die nahe gelegene Heidelandschaft. „Draußen in der Natur zu sein, gibt mir Kraft und Klarheit und erinnert mich immer wieder daran, wie fragil unsere Umwelt ist und wie ernst wir unsere Verantwortung nehmen müssen.“

Ramona Zettelmaier
Alter: 56 Jahre
Arbeitet bei: Bureau Veritas
Maritime Erfahrung: Schiffsmechanikerin + Technische Offizierin
Job-Highlight: Leitung Bureau Veritas Marine & Offshore
Bureau Veritas
Bureau Veritas ist ein weltweit tätiger Anbieter von Prüf-, Inspektions- und Zertifizierungsdienstleistungen (TIC). Gegründet 1828 in Antwerpen als Informationsbüro für maritime Versicherungen, hat das Unternehmen heute seinen Hauptsitz in der Nähe von Paris und zählt mehr als 82.000 Beschäftigte in 140 Ländern.
Die Sparte Marine & Offshore betreut Schiffe und Offshore-Anlagen über deren gesamten Lebenszyklus. Sie unterstützt Unternehmen bei der Einhaltung internationaler Sicherheits-, Umwelt- und Effizienzstandards. Weltweit umfasst die BV-zertifizierte Flotte mehr als 12.000 Schiffe. Der in Hamburg ansässige Unternehmensbereich Central Europe ist zuständig für die Länder Deutschland, Österreich, Schweiz, Polen, Tschechien, Slowakei und Ungarn, in denen über 130 Mitarbeitende tätig sind.
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