
Schlepperjob am Containerterminal Altenwerder, bei nasskaltem Hamburger Herbstwetter: Geschickt fängt Pauline Schirmeister mit der linken Hand die lange Holleine auf, die von der „GSL Maria“ auf das Vordeck der „Fairplay 96“ fliegt. Routiniert befestigt die angehende Schiffsmechanikerin das Leinenende mit dem massiven Schlepptau. Den Palstek beherrscht sie mittlerweile im Schlaf. Doch jetzt ist höchste Wachsamkeit gefragt. Ihr Blick ist auf die Verbindungsleine gerichtet, die nun Meter für Meter die Bordwand erklimmt. Oben angekommen, vertäut sie ein Crewmitglied des Containerfrachters mit dem Schiffsbug. Kurz darauf zeigt Pauline die internationale Geste für „Gesichert!“ – gekreuzte Arme vor der Brust. Dann heißt es zurück auf die Brücke, wo Kapitän Christoph Kumbartzky und Nautiker Daniel Rostek den Schleppvorgang des 275 Meter langen Frachters starten. „Aus Sicherheitsgründen darf man da nicht an Deck sein“, erklärt Pauline. Die Zugkräfte sind gigantisch. Dutzende von Tonnen zerren an dem strammen Seil. Bricht es durch, besteht Gefahr für Leib und Leben. Pauline hat solche kritischen Situationen schon erlebt.
Im warmen Schiffinneren beobachtet sie nun durch das sichere Panoramafenster, wie der Frachter im Rückwärtsgang unter der Köhlbrandbrücke hindurch geschleppt wird – im Teamwork mit dem kleinen „Michel“, der hinterm Schiffsheck als „Bremser“ fungiert.

Im Zwei-Wochen-Rhythmus
Es ist ein Routineeinsatz. Bis zu sieben „Jobs“ macht die Schleppschiff-Besatzung am Tag – je größer die Schiffe sind und je mehr Tiefgang sie haben, desto mehr Schlepper sind an einem Einsatz beteiligt. Die 20-jährige Pauline ist erst seit Kurzem an Bord. Für die nächsten zwei Wochen wird die „Fairplay 96“ ihr 6.700 PS-starker Arbeitsplatz sein.
Im dritten Lehrjahr ihrer Ausbildung ist sie neben dem Kapitän, dem Nautiker und dem Leiter der Maschinenanlage bereits vollwertiges Crewmitglied mit allen Pflichten, einschließlich Wachdienst. „Ich bin als Schiffsmechanikerin vor allem für die Wartung und Instandhaltung zuständig“, erzählt sie. Ob Konservierungsarbeiten, Prüfung von Takelage und Leinenführung oder Check der Sicherheitseinrichtungen; ob Deck schrubben oder Reinigung der Innenräume – es ist immer was zu tun. Auch das Kochen für die Besatzung gehört zu ihren „Housekeeping“-Aufgaben. „Wenn das Essen schlecht ist, gibt es auch schlechte Laune“, sagt Pauline lachend.
Homebase der Fairplay-Schiffe ist die Schlepperstation in Hamburg-Neumühlen. Zwar darf Pauline während ihrer Ruhezeiten auch an Land gehen. „Längere Ausflüge sind jedoch nicht drin“, erklärt sie. „Wir müssen abrufbereit sein und falls nötig schnell wieder zurück aufs Schiff.“ Dafür hat sie nach den zwei Wochen an Bord eine Woche frei. „Da kann ich dann Freunde besuchen und längere Zeit zu Hause mit meinen Eltern und Geschwistern verbringen.“ Pauline wohnt in ihrem Geburtsort Werder (Havel) in der Nähe von Potsdam. Im Gegensatz zu vielen Mit-Azubis ist sie also fernab der See aufgewachsen. Doch ihre Begeisterung für Technik und Motoren ebnet ihr den Weg dorthin. „Ich war noch nie ein Puppen-Mädchen“, sagt Pauline und lacht. Bereits in jungen Jahren schraubt sie an ihrem Simson-Moped und an alten Traktoren aus DDR-Produktion, Sammlerstücke auf dem elterlichen Hof.
Der maritime Zugang liegt quasi vor der Haustür. Ihr Vater ist Inhaber eines Bootshandels an der Havel. „Dort habe ich schon mit 16 angefangen, die Motoren von Sportbooten zu inspizieren, und den Umgang mit Werkzeugen geübt.“
Von der Havel an die Hafenkante
Erst nach ihrem Abi im Jahr 2023, erfährt sie bei der Arbeitsagentur Hamburg vom Berufsbild Schiffsmechaniker. „Der war bei uns in Brandenburg völlig unbekannt. Nicht mal die Berufsberater haben ihn erwähnt.“ Sie bewirbt sich bei mehreren Reedereien, hinterlässt bei den Vorstellungsgesprächen einen guten Eindruck. „Ich hatte am Ende mehrere Optionen“, sagt Pauline. Sie entscheidet sich für die renommierte Schleppreederei Fairplay. Zunächst geht es für sie dort mit den anderen Azubis ihres Jahrgangs für zweieinhalb Monate auf den großen Notschlepper „Nordic“. Um Hochseeluft zu schnuppern und das Bordleben kennenzulernen.

Nach der Ausbildung möchte ich technische Schiffsbetriebstechnik studieren und später als Chief arbeiten.
Pauline Schirmeister
Teamwork und Vorurteile
„Die ersten Wochen waren eine Qual“, erinnert sich Pauline. „Die Seekrankheit hat mich voll erwischt, ich konnte tagelang nichts bei mir behalten.“ Doch im Gegensatz zu manchen ihrer männlichen Azubi-Kollegen, die nach dieser Nagelprobe hinschmeißen, beißt sie sich durch und knüpft auf dem langen Törn Freundschaften mit anderen Auszubildenden. Unter den insgesamt 43 Schiffsmechaniker-Azubis bei Fairplay ist sie eine von vier Frauen.
Um möglichst viele Erfahrungen zu sammeln, wechselt auch Pauline während ihrer Ausbildung turnusgemäß zwischen den unterschiedlichen Fairplay-Standorten. „Ich war schon in Wilhelmshaven, Bremerhaven und Brunsbüttel im Einsatz“, erzählt sie. „Dabei konnte ich die unterschiedlichen Schleppergenerationen kennenlernen.“
Wenn Pauline für einen neuen Törn an Bord geht, leistet sie dabei häufig unfreiwillige Pionierarbeit. „Für die Besatzungsmitglieder ist es meist etwas ganz Neues, wenn da plötzlich eine junge Frau steht.“ Viele trauen ihr den Job zunächst gar nicht zu. Ihre zierliche Statur verstärkt vermutlich solche Vorurteile. Doch die kann Pauline schnell widerlegen. „Zwar bin ich nicht besonders groß und kräftig. Bis jetzt habe ich aber noch jede Aufgabe, die auch meine männlichen Kollegen machen, erledigen können“, sagt sie selbstbewusst. „Manchmal braucht es dafür nur ein bisschen Köpfchen.“ Außerdem habe ihr fehlendes Gardemaß ja auch Vorteile: „Ich stoße mir im Maschinenraum jedenfalls nicht den Kopf“, sagt die 1,60 Meter große Pauline.

In der Regel wird sie von ihren Kollegen denn auch schnell als vollwertiges Besatzungsmitglied akzeptiert. An Bord der „Fairplay 96“ spürt man jedenfalls sofort, dass die Chemie stimmt und Pauline mit ihrem fröhlichen Naturell und ihrer professionellen Einstellung perfekt ins Team passt. Auch für die notwendige Privatsphäre ist gesorgt. Als Frau steht ihr eine eigene Kabine zu. Schlaf ist allerdings nicht immer garantiert. „Es gab schon Tage, da war ich von 20 Uhr bis 8 Uhr morgens nonstop im Einsatz.“ Ihre Leidenschaft für den Job mindert das jedoch nicht, vor allem die Vielseitigkeit der täglichen Arbeit begeistert sie „Ich kann mir momentan nichts anderes vorstellen, als am Wasser zu arbeiten.“
Auch Paulines berufliche Zukunftspläne sind maritim. Nach der Ausbildung möchte sie technische Schiffsbetriebstechnik studieren und später mal als Chief die Fäden im Maschinenraum ziehen. „Gern würde ich auch noch andere Schiffstypen kennenlernen.“ Jetzt aber geht es erst mal wieder raus auf die Elbe. Hier lässt sich nichts vorausplanen. „Man weiß nie so genau, was einen beim nächsten Einsatz erwartet!“

Pauline Schirmeister
Alter: 20 Jahre
Ausbildung zur Schiffsmechanikerin
Ausbildungsbetrieb: Fairplay Towage Group
Job-Highlights: Such- und Bergungseinsätze auf der „Nordic“

Sicherheit aus Tradition
Die Fairplay Towage Group ist in 24 europäischen Häfen aktiv, darunter an 14 Standorten in Deutschland. Das Unternehmen bietet Schlepp-, Offshore-, Küstenschutz- und Bergungsdienste an. Aktuell besteht die Flotte aus über 100 Schleppern. Fairplay blickt auf eine 120-jährige – teils bewegte – Firmengeschichte zurück und hat heute mehr als 1.000 Mitarbeiter. Als traditioneller maritimer Ausbildungsbetrieb beschäftigt die Reederei aktuell 48 Azubis, die meisten davon als angehende Schiffsmechanikerinnen und -mechaniker.
www.fairplay-towage.group/de




