
Montagnachmittag am Hamburger Containerterminal Altenwerder (CTA). Autonome Fahrzeuge wuseln über die Kaikante und bringen Container von A nach B. Fünf Brücken gleichzeitig löschen und beladen die frisch aus London eingetroffene „Guayaquil Express“. Der Zeitplan ist – wie immer – eng. Es rumpelt und scheppert, wenn die Kranführer die Stahlboxen aufeinander absetzen. Insgesamt 10.589 TEU fasst das über 330 Meter lange Schiff. Für Pia Kulp ist das Logistik-Spektakel Arbeitsalltag: Die 26-Jährige arbeitet bei Hapag-Lloyd als Nautische Wachoffizierin. Zielstrebig marschiert sie im weißen Overall über das Deck der „Guayaquil Express“. „Während wir im Hafen liegen, überwache ich den Ladungsumschlag“, erklärt sie. „Ich prüfe, ob Gefahrgut korrekt geladen ist, kontrolliere die Leinen des Schiffes und checke, ob die Sicherungen an den Containern fest genug und korrekt sitzen.“ Es ist Kulps dritte Fahrt als Nautische Wachoffizierin. „Am Anfang war alles aufregend, mittlerweile habe ich schon mehr Routine.“ Jeder hat an Bord seine Aufgaben. Das gibt Sicherheit. Und falls mal Zweifel aufkommen? „Dann kann ich immer noch die Kollegen fragen. Grundsätzlich sage ich mir aber: Das haben schon so viele vor mir geschafft – dann packe ich das auch.“

Vom Nord-Ostsee-Kanal auf die Ozeane
Dass Kulp in der Schifffahrt gelandet ist, war eher Zufall. Blumenladen, Polizei, Stadtwerke: Während der Schulzeit probiert sie sich in vielen Praktika aus. Aber nichts will so richtig passen. In einem Seekartenverlag lernt sie den Lotsen Gerd Pitschmann kennen. „Er hat mich dann mitgenommen auf eine Fahrt durch den Nord-Ostsee-Kanal.“ Umgehauen habe sie das zwar nicht, so die gebürtige Rendsburgerin, aber es bleibt etwas hängen: Anschließend fährt sie regelmäßig an Wochenenden mit ihm mit. So richtig „Klick“ macht es dann beim Praktikum auf einem Containerschiff. 2018 heuert sie schließlich bei Hapag-Lloyd als Nautische Offiziersassistentin (NOA) an.
Die erste Fahrt macht sie zusammen mit zehn weiteren NOAs auf dem Ausbildungsschiff der Reederei, der „Chicago Express“. Insgesamt drei Monate sind sie unterwegs und lernen die Basics an Bord. „Es war wie auf Klassenfahrt“, erzählt Kulp und lacht. Für sie ist es auch aus einem anderen Grund eine besondere Erfahrung: Sie lernt dort ihren Freund kennen, der ebenfalls eine Ausbildung zum NOA macht. „Netterweise legt die Crewingabteilung unsere Fahrpläne möglichst so, dass wir gleichzeitig frei haben“, sagt sie. Zusammenfahren komme für die beiden allerdings nicht mehr infrage. „Wir haben das während unser Azubi-Zeit gemacht, das war auch schön. Aber jetzt passt das nicht mehr“, so Kulp.
Herausforderung Nautik-Studium
Als sie das Jahr Seefahrtzeit voll hat, beginnt für sie 2020 der wohl herausforderndste Part: das dreijährige Nautik-Studium in Flensburg: „Mathematik und Technik sind eigentlich so gar nicht meins“, gibt sie zu. Aber Kulp beißt sich durch, ihr Ziel, die Welt zu bereisen, fest vor Augen. „Mir hat es schon immer gut gefallen, unterwegs zu sein – mit Familie oder allein. Wenn Ferien waren, war ich weg.“ Nun lebt sie ihren Traum. Dass sie dafür oft Monate lang nicht zu Hause ist, stört sie nicht – im Gegenteil. „Ich finde es toll, dass ich nach zwei bis drei Monaten Fahrtzeit auch mal längere Zeit am Stück zu Hause bin.“ Falls das irgendwann nicht mehr passen sollte, könne man immer noch nach einem anderen Modell schauen, erklärt die 26-Jährige mit norddeutschem Pragmatismus.

Selbstbewusstes Auftreten und eine gewisse Schlagfertigkeit gehören eben dazu.
Navigieren, überwachen, reagieren
Mittlerweile ist sie in ihre Offiziersuniform geschlüpft – weißes Hemd, marineblaue Hose. „Die trage ich auf Revierfahrten, also wenn wir einen Hafen anlaufen oder auslaufen oder beispielsweise durch den Panamakanal fahren“, erklärt sie. „Eigentlich immer dann, wenn ein Lotse erwartet wird.“ Sie wirft einen prüfenden Blick ins Logbuch. „Auf See pflegen wir es stündlich, notieren Wetterbeobachtungen und Schiffsposition. Im Hafen tragen wir die Daten nur alle sechs Stunden ein – wir bewegen uns ja nicht.“ Am meisten Spaß macht ihr das Navigieren: „Ich plane gerne Routen. Bei schlechtem Wetter kann es schon mal passieren, dass ich dreimal umplanen muss – umso besser!“

Als nautische Wachoffizierin betreut sie in ihren Diensten außerdem den Ausguck und prüft, dass der Kurs eingehalten wird. Dabei hat Kulp auch immer ein Auge auf die Alarmsysteme. „Unten in den Laderäumen gibt es Bilgen. Das sind große Badewannen, die Wasser auffangen“, erklärt sie. „Falls sie durch Regen volllaufen, geht ein Alarm los – dann müssen wir reagieren und wenn möglich das Wasser abpumpen.“ Das sei aber nur einer von zahlreichen Alarmen, die auftreten können und eine Überprüfung erfordern.“
Die meisten Crewmitglieder haben kein Problem damit, Anweisungen von ihr entgegenzunehmen. Vorurteile begegnen ihr dennoch immer wieder. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihr da ihre zweite Reise als NOA: „Der Kapitän hat ständig Sprüche gebracht wie: ‚Sie wissen schon, dass Frauen an Bord Unglück bringen, oder?‘ Anfangs habe ich nur geschmunzelt. Irgendwann meinte ich dann trocken, da sei es ja komisch, dass wir trotzdem noch fahren. Dann war Ruhe.“ Selbstbewusstes Auftreten und eine gewisse Schlagfertigkeit gehören eben dazu.

Pia Kulp hat einen klaren Kompass: „Ich finde, dass die Schifffahrt Männern und Frauen sehr attraktive Job-Möglichkeiten bietet – gerade bei einem modernen Unternehmen wie Hapag-Lloyd. Welches Geschlecht man hat, ist total egal. Hauptsache, man hat Köpfchen!“ Vorbilder vermisst sie an Bord nicht: „Ich gehe da meinen eigenen Weg.“ Dennoch führt sie dieser immer wieder an den Ort zurück, an dem alles begann: auf das Lotsenboot im Nord-Ostsee-Kanal. „Wenn ich nicht zur See fahre, besuche ich Gerd regelmäßig. Dann drehen wir zusammen eine Runde – so wie früher.
Steckbrief Pia Kulp
- Alter 26 Jahre
- Arbeitet bei Hapag-Lloyd
- Maritime Erfahrung: NOA-Ausbildung + Nautik-Studium
- Job-Highlights: Die Weltmeere bereisen; mit internationalen Kolleg:innen die globalen Lieferketten sichern
Eine andere Perspektive
Hapag-Lloyd ist die fünfgrößte Linienreederei der Welt und beschäftigt insgesamt 16.900 Menschen in 139 Ländern. Diversität wird dabei großgeschrieben – auch an Bord. In den letzten beiden Jahren ist in der deutschen Seeschifffahrt der Anteil von Frauen an Bord auf 7,1 Prozent gestiegen. Auch Hapag-Lloyd liegt hier im einstelligen Bereich – Tendenz: steigend. Noch deutlicher wird der positive Trend bei den See-Azubis: Hier liegt der Anteil der weiblichen Azubis mit 14 Prozent über dem Durchschnitt. Bei den NOAs (Nautische Offiziersassistenten) ist der Anteil sogar noch höher. „Frauen bringen eine ganz andere Perspektive mit. Wie für jede Branche ist diese Vielfalt wichtig“, sagt Silke Lehmköster. Die Flotten-Chefin bei Hapag-Lloyd ist bis 2020 selbst als Kapitänin zur See gefahren. www.hapag-lloyd.com




