Foto von Swana Kißmann
Abbildung von Serienlogo "Frauen machen Meer"

Hungrig gräbt sich der Kran in den riesigen Haufen an der Kaikante. Mit voller Schaufel schwenkt er rüber zur „Millerntor“ und lässt die Holzschnipsel in den Bauch des grün-weißen Schiffes rieseln. Es staubt, der Geruch von feuchtem Holz liegt in der Luft. Vom Deck aus beobachtet Swana Kißmann das Geschehen. Als Erste Offizierin ist sie im Hafen für die Beladung zuständig. „Im Vorfeld habe ich schon die Leerstellendichte berechnet und geprüft, was und wie viel wir laden“, erklärt sie. Seit Oktober 2023 fährt sie für die Lübecker Reederei Rodenberg. Das Besondere: „Wir transportieren nur Holz. Ich checke also vor allem, um welchen Holztyp es sich handelt und ob es dafür bestimmte Auflagen gibt.“


„Ich koordiniere die Jungs an Deck, teile ihnen Aufgaben zu. Bei einem Decksrundgang habe ich mir vorher schon ein Bild gemacht, ob irgendwo etwas repariert werden muss. Das liegt alles in meiner Verantwortung.“ In ihrer Co-Chefinnen-Rolle fühlt sich Kißmann wohl. „Ich habe schon als Dreikäsehoch beim Spielen auf dem Piratenschiff gern Anweisungen gegeben. Das liegt mir wohl im Blut“, sagt sie und lacht. Dabei ist sie die erste Seefahrerin in ihrer Familie. Geboren ist sie im Ruhrpott, mit ihrer Familie jobbedingt aber viele Male quer durch Deutschland gezogen. „Ich mag dieses Unterwegssein. Zu Hause ist für mich nicht der Ort, sondern die Menschen um mich herum“, so Kißmann. Auch immer wieder „die Neue“ zu sein, sei für sie kein Problem. Im Gegenteil: „Dadurch habe ich mich recht charakterfest entwickelt. Und das Fernweh passt ja auch gut zur Schifffahrt“, sagt sie und grinst.


Erste Liebe
Meer und Kißmann klingt nach einem „Perfect Match“. Dass sie in der Schifffahrt gelandet ist, war aber purer Zufall: „Nach dem Abitur mit 16 Jahren wusste ich nicht, in welche Richtung es gehen soll. Also habe ich erst mal Theologie studiert, weil mich die alten Sprachen und die Geschichte interessiert haben“, erinnert sich Kißmann. Nach drei Jahren bricht sie das Studium ab. „Das passte einfach nicht.“ Im Urlaub bei einer Seehundbänke-Rundfahrt der Schlüsselmoment: „Ich habe den Offizier bei seiner Arbeit beobachtet und bin dann ganz frech zu ihm rüber und habe ihn gefragt, wie er zur Schifffahrt gekommen ist. Da habe ich das erste Mal von den nautischen Ausbildungs- und Studienmöglichkeiten gehört.“

Von da an geht alles ganz schnell. Kißmann absolviert 2017 das Basic Safety Training und schreibt parallel Bewerbungen für die Ausbildung zur Nautischen Offiziersassistentin (NOA). Wenige Monate später sitzt sie dann bereits im Flieger zu den Bahamas, um an Bord des Containerschiffs „Jennifer Schepers“ der Harener Reederei HS Schiffahrt zu gehen. „Meine erste große Liebe“, sagt Kißmann und lacht. Sie denkt gerne an ihre ersten sechs Monate auf See zurück – trotz Maschinenschadens und langer Liegezeit: „Die Mannschaft und die Offiziere waren toll. Sie haben mir viel beigebracht – von der Decksarbeit über die Navigation bis hin zu Aufgaben im Maschinenraum.“
Aber sie lernt dort auch die Schattenseiten des vermeintlichen „Männerberufs“ kennen: Einer der Ingenieure wechselt kein Wort mit ihr. Seine Begründung: Frauen gehören nicht an Bord.

Foto von Swana Kißmann

Mehr Diversität an Bord
Abfällige Kommentare, unangemessenes Verhalten: Selbst jetzt als Offizierin kommt es immer wieder vor, dass Kollegen sie nicht ernstnehmen. Mittlerweile geht sie damit pragmatisch um: „Ich sage denen ganz deutlich, dass sie eine Grenze überschritten haben – dann ist meistens Ruhe. Und nach zwei Wochen Zusammenarbeit an Bord wissen eh alle: Die macht ihren Job richtig.“ Kißmann sieht das Problem vor allem darin, dass viele Männer noch nie mit einer Frau gefahren sind. „Egal, welche Nationalität die Männer haben: Sie haben Vorurteile. Denken, Frauen können nicht anpacken oder lackieren sich nur die Nägel.“

Für sie liegt die Lösung auf der Hand: Es braucht mehr Frauen an Bord. So würde auch das Vorurteil des „Männerjobs“ aus den Köpfen verschwinden – bei beiden Geschlechtern. „Es gibt nicht den einen Typ Frau in der Schifffahrt. Mädels, ihr müsst keine Mannsweiber sein, um den Job zu machen! Ihr könnt den Beruf in jeglicher Form von Weiblichkeit ausüben – mit langen oder kurzen Haaren, lackierten oder unlackierten Nägeln. Aufs Aussehen kommt es nicht an“, stellt Kißmann klar.

Foto von Swana Kißmann am Boxsack

Um den Frauenanteil zu steigern, sei auch mehr Transparenz nötig. „Dass es Probleme an Bord gibt, muss kommuniziert werden, sonst fallen die Frauen später aus allen Wolken.“ Auch sie selbst hat den Wunsch, sich häufiger mit anderen Seefahrerinnen auszutauschen. Ein guter Ansatz ist die Arbeit des Vereins Frauen zur See, findet sie. „An Bord fehlt mir die Ansprechpartnerin: Ich fahre ja fast nie mit Frauen.“ Dieses Mal ist das anders: Eine VDR-Ferienfahrerin hat sich angekündigt. „Ich finde das super – sie kann so direkt von meinen Erfahrungen profitieren.“ Trotz einiger Widrigkeiten überwiegt deutlich das Positive: Für Swana Kißmann ist es der schönste Job der Welt. „Er ist hart – gibt einem aber auch so viel zurück. Wo sonst bereist man schon die ganze Welt, lernt Menschen aus verschiedensten Ländern kennen?“ Das nächste Ziel hat die ehrgeizige Offizierin deshalb schon fest im Blick: Kapitänin werden!

Foto des Schiffs "Millerntor"
Eine Art collage eines Papierschiffs

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