
Geißlingen in Klettgau, nahe der Schweizer Grenze. Weiter entfernt von der Waterkant geht es in Deutschland kaum. Dennoch zieht es Sabine Zeller aus dem idyllischen südbadischen Dorf in die weite Welt der Schifffahrt. Grund: Nach dem Abitur im Jahr 1998 schnappt sich die „waschechte Alemannin“ das Berufshandbuch des Arbeitsamtes und durchforstet mögliche Lehrberufe. „Nautik fand ich am spannendsten“, sagt sie. Das bestätigt sich: „Nirgendwo ist die Arbeit so vielseitig und abwechslungsreich wie an Bord eines Frachtschiffs“, so Zeller.
Heute leitet die gelernte Diplom-Ingenieurin für Nautik und Seeverkehr die Berufsbildungsstelle Seeschifffahrt (BBV). Zeller und ihr vierköpfiges Team tragen dazu bei, den maritimen Nachwuchs zu fördern. Ihre Aufgabe ist es auch, die Ausbildung an die geänderten Anforderungen der modernen Schifffahrt anzupassen. „Ich möchte junge Frauen und Männer für die Schifffahrt begeistern und die Berufe an Bord deutschlandweit bekannter machen.“
Für die 48-Jährige eine Herzensangelegenheit – nicht zuletzt auch vor dem Hintergrund ihrer eigenen Biografie. Denn damals, als junge Frau, die unbedingt Schiffsmechanikerin werden möchte, erhält sie vom Arbeitsamt in ihrer süddeutschen Heimat keinen Support. Jobs in der Seefahrt hat man dort einfach nicht auf dem Radar. Folglich nimmt sie die Suche selbst in die Hand.
Doch statt einer Schiffsmechaniker-Lehre beginnt sie kurz darauf an der Hochschule Wismar das Studium Nautik und Seeverkehr. „Ich wollte mich dort eigentlich nur nach Reedereien erkundigen“, erinnert sich Zeller. „Doch dann hat mich der Professor davon überzeugt, zu studieren.“
Die Welt vor Augen
Bereits bei ihrem ersten Praxissemester auf dem Kühlschiff „Hansa Lübeck“ der Hamburger Reederei Leonhardt & Blumberg sieht sie viel von der Welt. Der halbjährige Törn führt sie von Europa nach Südamerika, China, Japan und Neuseeland. Dabei lernt sie auch das Zusammenleben an Bord kennen. „Das war wirklich eine superspannende Zeit, anfangs aber auch gewöhnungsbedürftig“, erinnert sich Zeller. Als einziges weibliches Crewmitglied muss sie sich erst mal durchsetzen. Vor allem bei den philippinischen Seeleuten passt eine Frau, die vermeintliche „Männerarbeit“ macht, nicht so recht ins Rollenklischee. Doch Zeller bleibt beharrlich. „Erst als ich mit ölverschmierten Händen im Maschinenraum mit angepackt habe, wurde ich akzeptiert.“ Ihre zweite Praxissemester-Fahrt führt sie an Bord eines Tankers in die kalten Gewässer der russischen Arktis. Noch heute schwärmt Zeller von den Eismassen und den großen Eisbrechern, die ihnen häufig die Fahrrinne freiräumen müssen.

Prägende Zeiten
Nach ihrem Studium sticht sie als Nautische Offizierin erstmals selbst in leitender Funktion in See, ist bei verschiedenen Reedereien auf Tankern in der Tramp-Schifffahrt im Einsatz. Es ist die Zeit der Piraterie-Angriffe, regelmäßig muss sie die gefährlichen Gewässer rund um das Horn von Afrika weitläufig umfahren. Das brenzligste Erlebnis hat sie jedoch Anfang 2011, als ein Tsunami die japanische Küste erreicht. Zeller liegt mit ihrem Orangensafttanker 400 Kilometer Luftlinie südlich von Fukushima in der Bucht von Toyohashi. Die schützt sie zwar vor den verheerenden Wellen – nicht jedoch vor der radioaktiven Gefahr aus der Luft. „Nach der Reaktorkatastrophe saßen wir noch mehrere Tage fest, bis wir weiter löschen konnten“, erinnert sich Zeller an die Zeit des Bangens. „Wir hatten damals Glück, dass der Wind die radioaktive Wolke nicht in unsere Richtung geweht hat.“
Starkes Engagement
Nach acht Jahren auf See wechselt Zeller dann die Seiten. Zunächst ist sie für ein paar Jahre selbstständig als nautische Gutachterin und Surveyorin im Einsatz. Anschließend arbeitet die maritime Allrounderin als Dozentin für Sicherheitslehrgänge. Seit 2019 ist sie Geschäftsführerin des BBS in Bremen. Die Hansestadt ist seit 2005 auch ihr privater Lebensmittelpunkt. Hier lebt sie mit ihrem Ehemann. Die BBS ist wenige Kilometer entfernt, für den Arbeitsweg nimmt sie meist das Fahrrad.
Im Einsatz für den maritimen Nachwuchs ist Zeller auch abseits ihres Büros in vielen Formaten aktiv. Bei der Nationalen Maritimen Konferenz etwa wirkt sie aktiv beim Ausbildungsforum des VDR mit (s. S. 12). „Wir brauchen den Nachwuchs, um die Resilienz der Schifffahrt nachhaltig zu gewährleisten“, betont sie. Bis Ende vergangenen Jahres war Zeller zudem fast sechs Jahre für die IMO ehrenamtlich als „Goodwill Maritime Ambassador“ im Einsatz. Für die IMO nimmt sie außerdem im Rahmen ihrer Gremienarbeit an der Überarbeitung des Ausbildungsstandards STCW teil.
Auch im Frauennetzwerk Wista engagiert sie sich. „Mir ist vor allem wichtig, dass junge Berufsstarterinnen den Zugang zum Netzwerk bekommen.“ Besonders stark eingebunden ist Zeller bei der Planung und Organisation des International Day for Women in Maritime, der in diesem Jahr am
Mai in Leer stattfand (s. S. 50).
Manchmal jedoch denkt sie wehmütig an ihre Zeit an Bord zurück: „Am meisten vermisse ich die morgendliche 4-bis-8-Uhr-Wache, wenn man bei aufgehender Sonne langsam in den Arbeitstag startet.“.


Vorreiterin und Vorbild
Zettelmaier entscheidet sich gezielt für eine berufliche Laufbahn in der maritimen Wirtschaft und lässt den Gedanken an die Gründung einer Familie erst einmal beiseite. Nach der Ausbildung beginnt sie in Flensburg ein Ingenieurstudium zur Schiffsbetriebstechnikerin und erwirbt das technische große CI-Patent.
Direkt danach heuert sie bei Leonhardt & Blumberg an. Eine bewusste Wahl: „Frank Leonhardt war einer der ersten deutschen Reeder, der auch weibliche Führungskräfte an Bord einsetzte – dafür gebührt ihm großer Dank.“ Zettelmaier fährt in verschiedenen leitenden Positionen als technische Offizierin zur See. Als eine der wenigen weiblichen Vorgesetzen in ihrem Metier leistet sie erneut Pionierarbeit. Ihr Stil wird geschätzt. „Viele Seeleute und Kollegen haben mir erzählt, dass der Umgang untereinander respektvoller ist, wenn ich beziehungsweise eine Frau mitfährt“, sagt sie.
Ihre Erfahrungen gibt sie auch an ihre jungen Kolleginnen weiter, nimmt weibliche Auszubildende und Berufsanfängerinnen unter ihre Fittiche. Zettelmaiers Credo: „Bleib dir immer selber treu, lebe deinen Beruf mit Herzblut und eifere niemandem nach.“ Frauen müssten auch nicht, wie häufig kolportiert, „130 Prozent geben“, um mitzuhalten. „Das erzeugt nur unnötigen Druck.“
Wie man seinen beruflichen Weg erfolgreich gehen kann, möchte sie auch anhand ihrer eigenen Vita vorleben. „Ich sehe mich ein bisschen als Vorbild und Ansporn für junge Frauen“, so Zettelmaier. 1998 ist sie Mitbegründerin des Verbandes „Frauen zur See“, außerdem engagiert sie sich im maritimen Frauennetzwerk WISTA. „Hier haben Frauen die Möglichkeit, sich mit anderen auszutauschen oder Hilfe von persönlichen Mentoren zu bekommen.“

Sabine Zeller
Alter: 48
Arbeitet bei: Berufsbildungsstelle Seeschifffahrt e.V. (BBS)
Maritime Erfahrung:
Acht Jahre auf See als Nautische Offizierin, Sachverständige
Job-Highlights:
Internationale Zusammenarbeit
Zentrale Stelle für die Ausbildung
Die Berufsbildungsstelle Seeschifffahrt e.V. (BBS) mit Sitz in Bremen ist die zuständige Stelle für die berufliche Bildung in der Seeschifffahrt. Die BBS informiert, begleitet und kontrolliert die Ausbildung der Schiffsmechanikerinnen und Schiffsmechaniker. Ihre Mitarbeitenden organisieren u.a. die Prüfungen und überwachen auch die praktische Ausbildung und Seefahrtzeit der nautischen, technischen und elektrotechnischen Offiziersassistenten.
t1p.de/machmeer-bbs




