
Im majestätischen Schritttempo gleitet die „Seefalke“ an ihren festen Liegeplatz im Neuen Fischereihafen, Cuxhaven. Auf den ersten Blick kann man das grau-schwarz lackierte Fischereischutzboot leicht mit einer Marineeinheit verwechseln. „Unsere Silhouette wirkt schon sehr Respekt einflößend“, sagt Dana Leathley. Die 27-Jährige gehört als Nautische Wachoffizierin zur festen Besatzung des Behördenschiffs. Gerade ist sie mit ihrer Crew vom letzten Einsatz zurück im Heimathafen. „Wir waren mehrere Tage im Borkum-Riffgrund“, erklärt sie. „Dort wird gerade Sandaal gefangen.“
Leathley erfüllt in ihrem Job eine Doppelfunktion: Sie ist als Nautikerin mitverantwortlich für den Schiffsbetrieb und gleichzeitig als Fischereiinspekteurin für ihren Arbeitgeber, die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE), zuständig für die Kontrollen der Fangschiffe. „Inspekteurin“, das mag zunächst bürokratisch klingen – tatsächlich aber ist es ein körperlich anspruchsvoller Job. Täglich rücken die Kontrolleure in Zweierteams mit ihren schnellen kleinen Arbeitsbooten vom Mutterschiff aus. Geht es an Bord eines großen Fischtrawlers, müssen sie schon mal zehn Meter hohe Lotsenleitern erklimmen – in voller Montur, sprich neun Kilo schwerem Arbeitsanzug, versteht sich. Bei Seegang durchaus eine sportliche Angelegenheit.

Maßgerechter Einsatz
An Deck vermessen sie dann akribisch das Fanggerät, begutachten die Fische, inspizieren die Kühlräume und kontrollieren die notwendigen Papiere. „Für die Einhaltung der Fangquoten sind wir allerdings nicht zuständig, das ist Aufgabe der Kollegen an Land.“
Stattdessen überprüfen die Fischereiinspekteure, ob Netze, Größe der Fische und Fangzusammensetzung den gesetzlichen Vorgaben entsprechen. „Engmaschige Kontrolle“, das bedeutet hier: Die Maschen dürfen nicht zu eng sein! Für kleinere Verstöße, etwa ein fehlendes Zertifikat oder eine fehlende Markierung am Fangwerk, gibt’s zunächst eine Verwarnung. Erst wiederholtes Fehlverhalten oder schwerere Verstöße werden geahndet. Ähnlich wie bei Verkehrssündern greift ein Punktesystem. „Ab einer gewissen Anzahl verliert der Kapitän sein nautisches Patent“, sagt Leathley. „Das möchte natürlich kein Schiffsführer riskieren.“ Ohnehin seien ernsthafte Regelverstöße eher die Ausnahme. Gerade mal „zwei Handvoll“ solcher Fälle hat die Kontrolleurin erlebt, seit sie im Februar 2025 bei der BLE angeheuert hat.
Glücklicher Zufall
Leathleys Weg in diesen speziellen Beruf ist unkonventionell: Geboren in England – der Vater ist Brite –, aufgewachsen in Hamburg, beginnt sie im Alter von 19 ein Nautikstudium in Elsfleth. Angetan hat es ihr ein Forschungsschiff. Ihr Traum: „Auf so einem Schiff zu arbeiten und Eisberge sehen!“
Erste praktische Erfahrungen sammelt sie bei den Reedereien Bernhard Schulte und John T. Essberger. Nach dem Studium arbeitet sie einige Zeit als Alleinsteuerfrau bei einer Reederei für Kümos, steigt dort zur Ersten Wachoffizierin auf. Doch die junge Nautikerin, die auch über das kleine Maschinenpatent (C-Naut) verfügt, möchte sich beruflich verändern.
Während eines Feierabendspaziergangs in Bremerhaven weckt das Anzeigenbanner auf einem BLE-Schiff ihr Interesse. „Beim Bewerbungsgespräch wurde ich dann gefragt, ob ich schon mal Berührungspunkte zu Fisch hatte“, erinnert sie sich. Ihre ehrliche Antwort „Nur als Fischstäbchen auf meinem Teller.“ Doch Leathley arbeitet sich intensiv in die neue Thematik ein und findet schnell Zugang in die Welt der Fischerei. „Die wichtigsten Dinge lernt man ohnehin im Praxisalltag an Bord.“
Man merkt ihr die Begeisterung für den verantwortungsvollen Job jederzeit an. „Es ist eine total abwechslungsreiche Arbeit. Jeder Tag ist anders.“ Die Einsatzpläne und Routen plant die Crew in der Regel selbst. Egal ob Krabbenfischer, große Fischtrawler, Baumkurren mit Grundschleppnetzen, Stellnetzfischer oder Schollenfänger – stets geben die Unterwasserbewohner den Rhythmus vor: „Die Fangschiffe folgen den Fischschwärmen, und wir folgen den Fischern“, erzählt Leathley.
Sie schätzt vor allem die ökologische und gesellschaftliche Dimension ihres Jobs – denn die Kontrollen dienen der Nachhaltigkeit der Bestände und dem Schutz des Meeresbodens. „Ohne Überwachung drohen Überfischung und langfristiger Bestandseinbruch“, warnt sie.


Mehr als nur ein Job
Auf ihren turnusgemäßen Einsätzen kontrolliert die „Seefalke“ Fangschiffe in der Ausschließlichen Wirtschaftszone Deutschlands (AWZ), die sich auf bis zu 200 Seemeilen erstreckt. Eine Ausnahme bilden Reisen für internationale Fischereiorganisationen (NEAFC/NAFO). Die führen Leathley und ihre Crew bis weit in den Nordatlantik, zuletzt bis nach Kanada. „Dieses Jahr fahren wir für mehrere Wochen hoch in die Barentssee.“
Was wohl kaum jemand vermutet: Bei der Arbeit in den Hochseegewässern droht mitunter Gefahr durch Wale. Die hungrigen Meeresgiganten laben sich nach dem Einholen der Netze gern mal an dem Fang. Dabei stürzen sich die Kolosse regelrecht auf die hilflose Beute. „Wir bleiben dann natürlich besser auf Abstand“, sagt Leathley.
Nicht immer geht es um Fischereischutz: Als Behördenschiff und Einheit der Küstenwache rücken die „Seefalke“ und ihre beiden Schwesterschiffe auch bei technischen und humanitären Notfällen auf See aus. „Letztes Jahr haben wir an einem Havarieeinsatz teilgenommen, nachdem ein ehemaliger Lotsenversetzer vor Sylt untergegangen war.“ Leathley erinnert sich an das abenteuerliche Bergungsmanöver. „Bei Dunkelheit, Windstärke 8 und drei Meter hohen Wellen haben wir nach Wrackteilen und gefährlichem Treibgut gesucht.“ Glücklicherweise konnten alle Besatzungsmitglieder unversehrt geborgen werden – für Notfälle verfügt die „Seefalke“ über einen voll eingerichteten Behandlungsraum zur medizinischen Versorgung. In solchen angespannten Situationen ist mehr denn je Teamwork gefragt – das A&O in der Schifffahrt. „Das habe ich bereits während meiner ersten Fahrten gelernt.“
In ihren Anfangszeiten hatte sie es als einziges weibliches Crewmitglied nicht immer leicht. „Im Zweifel stand ich vor der Frage, ob ich ein Verhalten melde und damit schwerwiegende Konsequenzen für den Betroffenen in Kauf nehme. Oder ob ich es ein paar Wochen ertrage und schweige.“ Doch auch wenn sie mitunter ein „dickes Fell“ benötigt – insgesamt überwiegen bei Weitem die positiven Erfahrungen. „Sonst wäre ich ja jetzt nicht hier“, sagt Leathley.

Berufliche Perspektiven
Auf der „Seefalke“ ist sie das erste Mal auch mit anderen Frauen auf einem Schiff. „Anfangs war das für mich richtig ungewohnt“, erinnert sie sich. Inzwischen weiß sie das zu schätzen: „Man hält irgendwie doch noch mal ein bisschen mehr zusammen.“ Ein abwechslungsreicher, sicherer und ökologisch wichtiger Job mit tollen Kolleginnen und Kollegen – für die Nautikerin steht fest, dass sie langfristig bei der Behörde an Bord bleibt. „Ich bin beruflich angekommen“, sagt sie. Auch die Aufstiegschancen zur Kapitänin stehen nicht schlecht – sie wäre übrigens bei der BLE die erste Frau in dieser Position!
Auch in ihrer Freizeit bleibt sie der maritimen Welt treu, heuert regelmäßig als Ausbilderin beim Segelschulschiff „Großherzogin Elisabeth“ an – die praktischerweise in Elsfleth liegt. Dort singt sie auch im örtlichen Shantychor. Und wenn es sie doch einmal in die Ferne zieht, dann gern auch mal weiter weg vom Wasser: zum Wandern in den Harz oder in die Alpen.

Dana Leathley
Alter: 27 Jahre
Arbeitet bei: Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung
Maritime Erfahrung: Studium (Nautische Wachoffizierin), 1. Offizierin und Alleinsteuerfrau
Job-Highlights: Aktive Mitwirkung am Meeresschutz
Fischereikontrolle als Bundesaufgabe
Die Fischereikontrolle der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) überwacht die Einhaltung des deutschen und europäischen Fischereirechts. Ihre Kontrolleure prüfen Fanggeräte, Fangmengen, Fischarten, Mindestgrößen und Schiffspapiere. So werden illegale Fänge verhindert und Fischbestände geschützt. Die BLE betreibt die drei baugleichen Fischereischutzboote „Seefalke“, „Meerkatze“ und „Seeadler“. Sie überwachen den Seeraum in der deutschen Wirtschaftszone in der Ost- und Nordsee. Jedes Jahr werden auch die weiter entfernten Fanggebiete im Nordatlantik kontrolliert. Für das bei ihnen angrenzende Küstenmeer sind die jeweiligen Bundesländer zuständig.
www.ble.de




