Die internationale Schifffahrt ist das Rückgrat von Wirtschaft und Versorgung. Gerade für eine exportorientierte Volkswirtschaft wie Deutschland ist sie unverzichtbar: Rund 90 % des weltweiten Handels und etwa zwei Drittel des deutschen Außenhandels werden über den Seeweg abgewickelt. Im Krisenfall werden zudem etwa 90 % der militärischen Ausrüstung und Hilfsgüter über die Handelsschifffahrt transportiert. Vor diesem Hintergrund diskutierten Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Arbeitnehmerseite beim Branchenforum des Verbands Deutscher Reeder (VDR) im Rahmen der Nationalen Maritimen Konferenz (NMK) in Emden, wie maritime Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit in Zeiten geopolitischer Spannungen gestärkt werden können.
Gaby Bornheim, Präsidentin des VDR, betonte: „Der Einsatz für eine sichere und freie Schifffahrt ist für Deutschland unerlässlich. Unsere Wirtschaft und unsere Versorgung hängen maßgeblich von funktionierenden maritimen Lieferketten ab. Deshalb brauchen wir eine starke eigene Handelsflotte und wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen, um unsere Versorgungssicherheit zu stärken und unsere strategische Unabhängigkeit zu sichern.“
Für eine resiliente Schifffahrt braucht es auch eine noch größere nationale Personalbasis. Die Zahl der Neueinsteiger auf See ist seit 2023 bereits von 418 auf 537 gestiegen, ein Plus von knapp 30 % und der höchste Stand seit über zehn Jahren. Um diese Entwicklung zu verstetigen und die Einsatzfähigkeit auch in Krisenzeiten zu sichern, schlägt der VDR vor, einen freiwilligen Seedienst in der Handelsschifffahrt im Rahmen des neuen Wehrdienstes zu ermöglichen, als Einstieg für junge Menschen in die Schifffahrt sowie zum Aufbau einer zivilen maritimen Reserve. „Wir müssen heute die Voraussetzungen schaffen, damit wir morgen handlungsfähig sind“, so Bornheim.
Christian Hirte, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Verkehr, erklärte: „Die internationale Schifffahrt ist das Rückgrat unserer Volkswirtschaft. In einer Zeit geopolitischer Unsicherheiten stärkt die Bundesregierung gezielt die Resilienz maritimer Lieferketten, schützt kritische Infrastrukturen, schafft wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen für eine starke Handelsflotte und investiert gezielt in die Ausbildung des maritimen Nachwuchses. Leistungsfähige Häfen, moderne Wasserstraßen und eine verlässliche maritime Infrastruktur stehen im engen Zusammenhang mit wirtschaftlicher Stabilität, Sicherheit und strategischer Handlungsfähigkeit.“
Melanie Leonhard, Senatorin für Wirtschaft, Arbeit und Innovation der Freien und Hansestadt Hamburg: „Als größter deutscher Seehafen trägt Hamburg dazu bei, dass Schifffahrt auch in Krisenzeiten funktioniert. Deshalb ist maritime Resilienz für uns kein abstraktes Ziel, sondern konkrete Standortpolitik. Die Seewege zu sichern, hält Lieferketten stabil – und sichert damit Wohlstand und Stabilität in unserem Land. Diese Aufgabe ist erkennbar aktueller denn je.“
Rolf Habben Jansen, CEO von Hapag-Lloyd, sagte: „Die Schifffahrt steht heute stärker denn je im Spannungsfeld geopolitischer Entwicklungen. Umso deutlicher wird, wie wichtig verlässliche maritime Lieferketten für unsere Wirtschaft und unsere Versorgung sind. Eine starke und agile Handelsflotte und wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen sind entscheidend, damit wir auch unter schwierigen Bedingungen handlungsfähig bleiben und langfristig zur wirtschaftlichen Stabilität und Versorgungssicherheit in Deutschland und Europa beitragen können.“
Uwe Schmidt, Mitglied des Deutschen Bundestags, unterstrich: „Investitionen in die Ausbildung nautischen Personals sind Investitionen in unsere Sicherheit. Wer Versorgungssicherheit und strategische Handlungsfähigkeit ernst nimmt, muss jetzt gezielt in den nautischen Nachwuchs investieren. Auch Vorschläge wie einen freiwilligen Seedienst als Brücke zwischen Nachwuchsgewinnung und maritimer Reserve sind wichtige Impulse. So schaffen wir die personelle Tiefe, die unsere Schifffahrt auch in Krisenzeiten verlässlich trägt.“
Dennis Dacke, Bundesfachgruppenleiter Luftverkehr und Maritime Wirtschaft bei ver.di, machte deutlich: „Ohne gute Arbeit, starke Mitbestimmung und verlässliche Rahmenbedingungen gibt es keine resiliente Schifffahrt. Die aktuellen geopolitischen Krisen zeigen, wie verletzlich maritime Lieferketten sind. Versorgungssicherheit ist deshalb keine abstrakte Größe, sondern eine Frage konkreter Arbeits- und Lebensbedingungen an Bord. Wer Schifffahrt strategisch denkt, muss zuerst die Beschäftigten stärken und das maritime Know-how durch die konsequente Stärkung der deutschen Flagge sichern – alles andere bleibt Theorie. Genau hier setzt ver.di an: mit dem Anspruch auf verbindliche internationale und nationale Mindeststandards für Arbeits- und Ruhezeiten an Bord, konsequente Kontrolle der Flaggenstaaten und wirksame Durchsetzung der MLC-Standards. Ebenso zentral sind starke betriebliche und gewerkschaftliche Mitbestimmung in Reedereien und auf Schiffen, um Sicherheit, Arbeitsbelastung und Personalbemessung realistisch zu gestalten. Tarifbindung und faire Wettbewerbsbedingungen verhindern dabei, dass Sicherheit und gute Arbeit im globalen Wettbewerb unter Druck geraten.“
Kapitän Sebastian Dießner, Präsident des Verbands Deutscher Kapitäne und Schiffsoffiziere (VDKS), ergänzte: „Wahre maritime Resilienz braucht Fachkräfte, die eine langfristige berufliche Zukunft sehen, statt nur kurzfristige Kapazitäten zu füllen. Für den VDKS ist klar: Nur durch erstklassige Ausbildung und attraktive Perspektiven sichern wir die Expertise, die unsere Flotte in Krisenzeiten handlungsfähig macht.“
Die Diskussion machte deutlich, dass Schifffahrt heute weit über ihre wirtschaftliche Bedeutung hinausgeht. Sie ist ein zentraler Bestandteil der sicherheitspolitischen Infrastruktur Deutschlands und Europas. Angriffe auf Handelsschiffe, blockierte Seewege sowie hybride Bedrohungen wie Cyberangriffe und GPS-Störungen erhöhen die Risiken für die Branche erheblich.
Im Zentrum des Branchenforums stand daher die Frage, wie Deutschland und Europa ihre maritime Resilienz stärken und gleichzeitig die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts sichern können. Einigkeit bestand darin, dass eine starke eigene Handelsflotte, verlässliche politische Rahmenbedingungen sowie der Schutz freier und sicherer Seewege entscheidend sind, um wirtschaftliche Stabilität und Versorgungssicherheit langfristig zu gewährleisten.
Zum Abschluss betonte Christoph Ploß, Koordinator der Bundesregierung für Maritime Wirtschaft und Tourismus: „Die geopolitischen Spannungen und ihre Auswirkungen zeigen eindrucksvoll: Eine starke maritime Wirtschaft ist für Deutschland essenziell. Wir sind für unsere Versorgung mit Gütern und Energie auf eine leistungsfähige Schifffahrt angewiesen. Daher stärkt die Bundesregierung die Wettbewerbsfähigkeit der Reedereien, zum Beispiel über die Ausweitung der Tonnagesteuer.“
Die Nationale Maritime Konferenz (NMK) ist das zentrale Dialogformat der Bundesregierung mit der maritimen Branche. Sie bringt regelmäßig Akteure aus Politik, Wirtschaft und Gewerkschaften zusammen, um strategische Weichen für die Zukunft der maritimen Wirtschaft zu stellen.
Über den Verband Deutscher Reeder
Der Verband Deutscher Reeder (VDR) vertritt die gemeinsamen wirtschafts- und sozialpolitischen Interessen der deutschen Reedereien auf der Ebene des Bundes und der Länder sowie gegenüber europäischen und internationalen Instanzen. Der VDR wurde 1907 gegründet und hat sich 1994 mit dem Verband der Deutschen Küstenschiffseigner zusammengeschlossen. Mit rund 200 Mitgliedern vertritt der VDR den größten Teil der deutschen Handelsflotte. Mehr Informationen unter www.reederverband.de.





